„Wo wollt ihr enden, wenn ihr euch aus Furcht vor der Lächerlichkeit von den Fundamenten des Glau­bens entfernt?“ Leszek Kolakowskis teuflische Abrechnung mit der modernen Theologie

Klaus-Maria Brandauer als Mephisto in István Szabós' gleichnamigen Film
Klaus-Maria Brandauer als Mephisto in István Szabós‘ gleichnamigen Film von 1981

Armin Wenz hat mich auf einen zweiten Text von Leszek Kolakowski aus dessen Buch Gespräche mit dem Teufel. Acht Diskurse über das Böse aufmerksam gemacht, der eine wunderbar teuflische Abrechnung mit der modernen Theologie enthält:

Stenogramm einer metaphysischen Pressekonferenz, die der Dämon am
20. 12. 1963 in Warschau abgehalten hat

Von Leszek Kolakowski

Sie haben aufgehört, an mich zu glauben, meine Herren, gewiß, ich weiß davon. Ich weiß es, und es läßt mich kalt. Ob Sie an mich glauben oder nicht, es bleibt einzig und allein Ihre Sache, haben Sie mich verstanden, meine Herren? Es ist mir maßlos gleichgültig, so gleich­gültig wie nur irgend etwas, und wenn es mich dennoch ab und zu interessiert, dann nur in der Form, in der sich der Geist des Forschers an einem Naturwunder entzündet. Ich sage aus­drücklich Geist, denn die Sache an sich ist – was meine Verrichtungen und Erfahrungen angeht – nirgendwo auch nur von der mindesten Bedeutung. Daß Sie meine Existenz leugnen, tut meiner Eitelkeit keinen Abbruch, und zwar einfach deswegen, weil ich absolut nicht eitel bin, weil ich nicht die Absicht habe, von Ihnen für besser gehalten zu werden, als ich bin, ja nicht einmal für so, wie ich tatsächlich bin; ich will ich selbst sein, weiter nichts. Ihr Unglau­be berührt keine einzigen meiner Wünsche – sie sind alle erfüllt. Es kommt mir nicht auf die Anerkennung meiner Existenz an; für mich ist nur das eine wichtig, daß das Werk der Ver­nichtung nicht stockt. Ob man an meine Existenz glaubt oder nicht, bleibt auf die Reichweite meiner Arbeit ohne Einfluß.

Zuweilen stimmen mich die Ursachen dieses Unglaubens nachdenklich, nun ja, es ist ganz einfach, die Sache fesselt für einen kurzen Augenblick mein Interesse, ich betrachte Ihren jämmerlichen Skeptizismus etwa auf die gleiche Art, wie Sie eine Spinne beobachten, die an der Wand entlang kriecht. Mich macht die Unbedenklichkeit stutzig, mit der Sie Ihren Glauben fahren lassen, und ich überlege mir, wie es kommt, daß immer und in jedem Fall ich das erste Opfer bin, sobald der Unglaube um sich zu greifen beginnt. »Ich falle zum Opfer«, so etwas sagt man so leicht dahin, um es nur eben glatt auszudrücken, in Wahrheit bin ich weder ein Opfer, noch trifft es zu, daß ich falle; oh nein, ich falle gewiß nicht. Und doch nimmt der Unglaube bei mir seinen Anfang. Den Teufel wird man am leichtesten los. Dann kommen die Engel, dann die Dreieinigkeit, schließlich Gott. Als wäre der Teufel das aller­empfindlichste Teilchen Ihrer Vorstellungskraft, eine brandfrische, kaum gefestigte Errungen­schaft, jungfräulichstes Gewebe Ihres Glaubens, oder ganz einfach nichts weiter als ein peinli­cher, lästiger, kaum erwähnenswerter Belag in Ihren Hirnen, dessen man sich nur ungern zu erinnern pflegt. Dabei sehe ich, wie selbst diejenigen, die glauben tief und inbrünstig glauben, voller Eifer, manchmal sogar voller Zorn glauben, daß selbst sie einen großen Bogen um den Teufel machen, daß sie aufgehört haben, über ihn zu reden, daß sie unsicher den Blick abwen­den, wenn man sie anspricht, daß sie schweigen und nicht mehr wissen, ob sie ihm ganz und gar abgeschworen haben, oder ob da vielleicht noch irgendeine verborgene Zelle ihrer Seele seine Anwesenheit erfährt, und wenn, dann immer schwächer und schwächer, denn diese Zelle erlischt allmählich, sie stirbt ab, krümmt sich, erkaltet, der Teufel fällt der Vergessenheit anheim. So mag’s geschehen.

Es kommt mitunter vor, daß ich in Kirchen gehe und mir die Predigten anhöre, ich lausche aufmerksam und gelassen, wobei ich ein Lächeln tunlichst vermeide. Es geschieht immer seltener und seltener, daß irgendwo ein Prediger – und sei es auch nur ein armer Dorfpfarrer – meiner von der Kanzel herab Erwähnung tut. Weder von der Kanzel herab noch im Beicht­stuhl noch anderswo. Ob Sie’s mir glauben oder nicht – er  schämt sich! Jawohl, es ist nichts weiter als simple Scham. Man könnte ja sagen: Brett vorm Kopf, und: wie primitiv, und: glaubt noch an Märchen, und: ist nicht imstande, mit dem Geist der Zeit Schritt zu halten, dem sich schließlich auch die Kirche anzuschließen hätte. Nein? Die Theologen behaupten, die Kirche folge dem Zeitgeist, manchmal sei sie ihm gar um einiges voraus, und sie habe keine Furcht vor dem Neuen, aber, so setzen sie hinzu, dies gelte nur für die Form, nur für die Sprache, nur für das äußere Gewand, keinesfalls für den mystischen Kern, nicht für den Glau­ben, nicht für die Ehre Gottes. Wie denn, meine Herren Theologen? Was ist denn dann mit mir, wenn man fragen darf, obwohl mich, wie ich schon sagte, die Sache an sich im Grunde kalt läßt. Wo also ist der Platz des gefallenen Engels? Sollte ich am Ende nichts wei­ter sein als eine Sprache, eine völlig unwesentliche Zierform, die man über Nacht verändert, genauso, wie man seine Krawatten wechselt? Ist der Satan wirklich nur eine rhetorische Figur, ein modus loquendi, eine façon de parler? Ist er ein Mittel, die träge Phantasie der Gläubigen anzuregen, ein Mittel, an dessen Stelle man jederzeit ein anderes nehmen könnte? Oder ist er, meine Herren, vielmehr die volle, unleugbare Realität, fest in der Tradition verankert, in der Heiligen Schrift offenbart, eine Erscheinung, die die Kirche seit zweitausend Jahren be­schreibt, etwas, was man berühren kann, was wehtut, was real vorhanden ist? Warum flieht ihr mich, meine Herren? Fürchtet ihr den Spott der Ungläubigen, habt ihr Angst davor, daß man in den Kabaretts Witze über euch reißen könnte? Seit wann fürchtet der Glaube den Hohn der Heiden und Ketzer? Was ist das für ein Weg, auf den ihr euch da begebt? Wo wollt ihr enden, wenn ihr euch aus Furcht vor der Lächerlichkeit von den Fundamenten des Glau­bens entfernt? Ist es heute der Teufel, so fällt schon morgen unweigerlich der Herrgott selbst eurer Furcht zum Opfer. Meine Herren, es ist der furchtbare Götze der Moderne, der Sie in seinen Bann gezwungen hat, einer Moderne, die die letzten Dinge fürchtet und die selbst deren Existenz vor Ihnen zu verbergen trachtet. Ich erwähne dies nicht in meinem Interesse, was soll mir das Ganze?! Ich sage es Ihnen und zu Ihrem Nutzen, gleichsam als hätte ich vor­übergehend vergessen, welches meine Berufung ist, und als wäre mir meine Pflicht entfallen, Sünde zu verbreiten. Ich bin nicht der einzige, der so spricht. Gewiß gibt es hier und dort noch irgendeinen Mönch oder Kaplan, der mit gewaltigem Stimmaufwand und in tiefer Verzweif­lung die Rechte des Satans beschwört, zum Glauben ruft, den Niedergang der Kirche brand­markt und an die heilige Tradition erinnert. Doch wer hört schon auf ihn? Wie zahlreich sind heute schon die Stimmen, die in der Wüste rufen? Die Kirche ist taub geworden, sie rennt mit der Zeit um die Wette, will neuzeitlich, fortschrittlich, hygienisch, funktionell, leistungsfähig, trainiert, verwegen, motorisiert, radiophonisiert, wissenschaftlich, sauber und energisch sein. Läge mir wirklich etwas an Ihrem Schicksal, es wäre mir eine wahre Lust, Ihnen Ihr Elend, Ihre bemitleidenswerten Bemühungen vor Augen zu führen, mit denen Sie der Zeit gerecht werden wollen, die Ihnen ohnehin ständig um Tausende von Meilen voraus ist. Sport, Fern­sehen, Filmleinwand, Banken, Presse, Wahlen, Urbanisation, Wirtschaft – und Sie wollen diese Welt beherrschen? Was sage ich, beherrschen! Sie wollen dieser Welt gefallen? In einer solchen Welt wollen Sie modern sein, wollen die »Märchen« über Bord werfen, wollen einer Menschheit voranschreiten, deren von Zigarettenrauch und Benzinabgasen geschwärzte Lun­gen Atomstaub einatmen? Wen müssen Sie verleugnen, um in dieser Welt Anerkennung zu finden? Den Teufel? Ganz einfach den Teufel? Und Sie glauben, damit seien alle Zuge­ständ­nisse zu Ende? Aber meine Herren! Sie fürchten weder Unglauben noch Häresie, kein Teufel – somit auch kein Herrgott – ist mehr imstande, Ihnen Angst einzujagen. Sie fürchten nur noch das eine – daß Sie jemand am Ende für rückständig, für mittelalterlich halten könnte, Sie auslachen könnte, weil Sie altmodisch sind, Sie davon überzeugen könnte, daß Sie unhygie­nisch, altbacken, unsportlich, unwissenschaftlich, unwohlhabend, unwirtschaftlich sind. Das ist es, was Sie fürchten, um diesen einzigen Vorwurf zu entkräften, mobilisieren Sie mit fie­berhafter Eile Ihre Druckereien, Banken und Parteien, Ihre Corbusier-Gotteshäuser, Ihre abstrakten Kirchenfenster. Gewiß, Ihr Untergang ist nicht eben mein Schade. Gehen Sie nur unter, bitte sehr, ich bin’s schließlich nicht, der mit Ihnen untergeht, Sie tun’s ganz allein. Die schwache Hoffnung, die Zweifler mit Schmeichelei und Schönheit anlocken zu können, verleitet Sie dazu, ihre ganze Skepsis mit zu übernehmen, alles zu verleugnen, wonach Sie bisher gelebt haben. Und Sie bilden sich in Ihrer Dummheit auch noch ein, den Glauben unverändert beibehalten und ihm lediglich ein modernes ‚design’ gegeben zu haben. Dabei wird der Teufel zuallererst geopfert, immer und zuallererst der Teufel.

Es ist bemerkenswert – und zugleich belachenswert –, daß ich meinen Namen ab und zu lediglich aus den Mündern wahrhaft gottloser Menschen höre, die ihn ohne jegliche Verle­genheit aussprechen, weil sie an meine Realität nicht glauben. Dann gibt es auch noch das »Teufelchen«, wie es gewöhnlich unter den Jahrmarkts-Marionetten auftritt und unter dem Gelächter der Kinderschar seine Possen treibt, und sollte ich jemals im Theater oder in einem Buch in Erscheinung treten, so muß es sich unzweifelhaft um sogenannte »gottlose« Bücher und Theaterstücke handeln. Und in der Kirche, auf der Kanzel? Alte Bilder werden aus den Gotteshäusern entfernt, auf daß der Teufel kein Unheil anrichte. So verlange es angeblich die »moderne Erziehung«. Mit allen rundum habt ihr Bündnisse geschlossen, meine Herren, um auch ja Schritt halten zu können mit jenen, die euch verhöhnen, auf alles geht ihr ein – bis auf den Glauben, auf die Tradition. Ihr habt vom Teufel nur noch klägliche Reste übrig­gelassen, den Fluch ohne Inhalt, das Krippenspiel, oder auch den beschämenden Hauch eines entwerteten Mythos, den man so rasch wie möglich abtun sollte, die quälende Hinterlassen­schaft längst verflossener Zeiten, Urvätergerümpel im neuzeitlichen Heim – das so hygienisch ist und so funktionell. Ihr nennt euch Christen? Christen, obwohl ihr keinen Teufel kennt? Gut, gut, nicht meine Sache, wirklich nicht meine Sache. […]

Hier der vollständige Text als pdf.

Und hier ein zweiter Text von Leszek Kolakowski aus dem gleichen Buch: „Doktor Luthers Gespräch mit dem Teufel, Wartburg, 1521

Übrigens hätte Jürgen Habermas es fast geschafft, Kolakowski 1970 auf den Adorno-Lehrstuhl nach Frankfurt zu bewegen. Da gab es auch schon die Proteste der studentischen Fachschaft des Philosophischen Seminars, weil ja Kolakowski nicht orthodox-marxistisch gelehrt hatte. So lautet sein Schlusswort aus seinem Hauptwerk Die Hauptströmungen des Marxismus: „Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“

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