„Es bleibt nach Römer 9-11 bestehen, daß wir als Heidenkirche die Zweige sind und das Volk Israel das Volk der Erwählung ist“ – Hans Joachim Iwands Aufsatz „Die Kirche und die Juden“ von 1951

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Immer noch beachtenswert ist Hans Joachim Iwands Aufsatz von 1951 aus der „Jungen Kirche“:

Die Kirche und die Juden

Von Hans Joachim Iwand

Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß die Kirche in Deutschland in der Judenfrage bitter und verhängnisvoll versagt hat. Es wäre falsch, diese Tatsache gering anzuschlagen. Was wir getan haben, war wenig oder gar nichts im Verhältnis zu dem, was wir nicht getan haben. Wir werden aus diesem Gericht nur lernen, wenn wir uns in Buße und Beugung vor Gott fragen, wo unser Irrtum lag. Denn wir haben nicht so sehr versagt aus Angst als vielmehr aus Blind­heit. Andere Kirchen, z. B. die holländische, sind in dieser Frage wachsamer und in ihren Zeugnissen und Taten entsprechend entschlossener gewesen.

Diese Blindheit liegt aber darin, daß wir über den inneren Zusammenhang zwischen der Kirche Jesu Christi und dem Volke Israel zu wenig biblische Erkenntnis hatten. Sieht man sich die Geschichte der protestantischen Theologie in Deutschland daraufhin an, so fällt es nicht schwer, ihre schwachen Stellen zu erkennen. Es sind neben dem älteren Luther und seinen scharfen Schriften gegen die Juden – der junge Luther hat eine noch heute lesenswerte Schrift für die Juden geschrieben! – vor allem Melanchthon und Schleiermacher, die beiden großen Lehrer unserer Kirche, die uns hier falsch geleitet haben. Denn sie haben den Zusam­men­hang der Kirche Christi mit dem jüdischen Volke nicht beachtet. Sie operieren beide mit dem Begriff der universalen Menschheit. Nun besteht aber nach der Schrift die Menschheit aus Heiden und Juden. Die Juden sind – auch da, wo sie Jesus nicht als ihren Messias erken­nen und anerkennen – immer noch die von Gott gesetzte Grenze gegen das Heidentum. Und das Gesetz, das Gott Mose am Sinai gab, ist etwas anderes als das allen Menschen eingebo­rene Naturgesetz. Es ist in gleicher Weise Offenbarung wie das Evangeli­um und gehört in den Bundesschluß. Weil wir die Moseoffenbarung, die den Gnadenbund Gottes mit Abraham fort-[106]setzt – und nicht etwa aufhebt! – in ihrer bleibenden Bedeutung für die Kirche Jesu Chri­sti nicht beachtet haben und demzufolge auch die prophetische Verkündigung vernach­lässig­ten, sind wir der Anfechtung des Antisemitismus erlegen. Die prophetische Verkündigung ist politische Predigt.

Es bleibt nach Röm. IX-XI bestehen, daß wir als Heidenkirche die Zweige sind und das Volk Israel das Volk der Erwählung ist, die Wurzel, die auch heute noch – gegen allen Augen­schein – das Ganze trägt. Es bleibt nach diesem Abschnitt des Römerbriefes gewiß, daß jede Über­hebung der Zweige über die Wurzel diese selbst unter das Gericht Gottes bringt. Es mag schwer sein, im Blick auf das Jesus – noch nicht – als den Christus anerkennende Volk Israel zu glauben, daß die christliche Kirche und dieses Volk zusammengehören und nach Gottes Ratschluß ein Ganzes sind, aber wenn wir nicht lernen, an die Kirche zu glauben, gerade im Blick auf Israel, dann werden wir das Geheimnis der göttlichen Erwählung, in das auch das der – zeitweisen – Verwerfung eingeschlossen ist, nicht verstehen und statt der auf dieser Erwählung ruhenden Universalkirche ethnisierende Volkskirchen schaffen. Israel hat bis heute „die Kindschaft und die Herrlichkeit und den Bund und das Gesetz und den Gottesdienst und die Verheißung“, zu ihnen gehören die Väter und von ihnen kommt der „Christus nach dem Fleisch der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit“ (Röm. IX 4f).

Es war schon eine Sache echten Bekennens, wenn Wilhelm Busch im Dritten Reich vor den Tübinger Studenten erklärte: „Unser Gott heißt Jahwe“ und wenn ernste Bibelforscher für diesen Namen in den Tod gingen[1]). Es hängt aufs engste damit zusammen, daß der unter uns mächtig gewordene Antisemitismus das Bildungsgut unseres Volkes in der Wurzel zerstören mußte. Martin Kähler der schon im ausgehenden 19. Jahrhundert vor dem heraufziehenden „Japhetismus“ warnte, schrieb die denkwürdigen Sätze:

Seit Jesu kommt das Alte Testament mit seinem großen Inhalt, mit seinen prophetischen Gerichts- und Trostworten an jeden. Seil Jesu steht es als ein Himmel mit strahlenden Sternen über den Nächten der Kranken und über den Totenbetten. So kommt durch Jesum das Alte Testament an jeden Menschen heran, der unter den Schall der christlichen Predigt gerät. So ist in Saft und Kraft der modernen Völker übergegangen, was im Alten Testament lebte! Wir sind alle semitisiert, und wir müßten unser religiöses, auch unser ästhetisches Denken auflö­sen, wenn wir diese Fasern semitischen Denkens herausziehen wollten·(aus: Jesus und das Alte Testament).

Quelle: Junge Kirche 12 (1951), Heft 5, S. 105-106.

[1] Sie sagten darum nicht Heil Hitler, weil das Heil von Jahwe kommt.

Hier Iwands Aufsatz als pdf.

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