Wer sich die Blöße seines Lebens gibt – Zachäus-Predigt über Lukas 19,1-10

Zachäus
© thewholestory.de

Das hat ein Bild abgegeben – Zachäus im Maulbeerfeigenbaum. Wer klettert schon im Erwachsenenalter noch auf Bäume und gibt sich damit im wahrsten Sinne des Wortes für Blicke von unten die genitale Blöße. Denn zurzeit Jesu hatte man noch nicht die Hosen an. Mit einem wadenlangen um den Körper gewickelten Unterkleid und dem offenen Obergewand aus feinem Stoff ist der kleinwüchsige Zachäus den Baum gestiegen, in der Hoffnung, als unbemerkter Zuschauer einen Blick von Jesus zu erhaschen. Keiner hat Zachäus auf dem Baum bemerkt, die Blicke der Zuschauer am Straßenrand sind auf Jesus ausgerichtet. Ihm wollen sie möglichst nahekommen, vielleicht sogar berühren, eilt ihm doch der Ruf des Heilandes und Gottgesalbten voraus.

Als Jesus durch die dichtgedrängte Menschenmenge zieht, richtet sich sein Blick auf den Mann im Baum, und er ruft „Zachäus“. Die Blicke folgen Jesus: Jetzt ist Zachäus vor allen Menschen bloßgestellt; wie ein armes Würstchen hängt er dort oben im Maulbeerfeigenbaum. Der Anblick spottet jeder Beschreibung: Kleiner Mann, was nun? Sein Gesicht läuft vor Scham rot an. Eine einzige Lachnummer, kein Mitleid mit ihm, nur Spott und Häme.

Reichtum weckt Neider, noch dazu wenn dieser auf Kosten anderer geschaffen worden ist. Oberzöllner sein galt als höchst unehrenhafte Profession, unter heutigen Maßstäben könnte man sagen: Zuhälterniveau. Vom römischen Statthalter hatte man das Recht auf die Kopfsteuer bzw. den Warenzoll gepachtet, musste dafür vorab festgelegte Summen an den Fiskus abführen, die man hinterher von den Einwohnern und Händlern eintreiben konnte. Die Differenz zwischen erhobener und abgeführter Steuer floss in die eigene Tasche. Da die Steuertarife und die Maße nicht einheitlich festgelegt und damit nachprüfbar waren, konnte bei der Zolleinnahme der Verdacht eigennütziger Willkür nie ausgeräumt werden. Der Preis des eigenen unternehmerischen Reichtums war die gesellschaftliche Ächtung.

Alle Blicke richten sich auf Zachäus, er hat sich die Blöße seines Lebens gegeben. Eine einzige Lachnummer, aber Jesus ruft: „Zachäus, steig eilends herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Die Wende – dem bloßgestellten, erbärmlich reichen kleinwüchsigen Mann wird die ungeheuerliche Ehre eines Gastgebers zuteil. Bei ihm, ausgerechnet bei ihm, will Jesus einkehren. Den Zolleintreiber hat er sich auserwählt, an all den anderen ist Jesus vorbeigezogen, ihn aber hat er heruntergerufen, „ich muss heute in deinem Haus einkehren“.

Wer soll das verstehen? Bei einem Reichen, der sich auf Kosten anderer bereichert hat, muss Jesus einkehren! Taktlos, die ganze erwartungsfrohe Menge wird vor den Kopf gestoßen. Jesus entzieht sich ihnen, lässt sie einfach am Straßenrand stehen, um ausgerechnet Zachäus, einen reichen Wirtschaftskriminellen mit seinem Besuch zu beehren.

Zachäus’ Scham weicht der Freude: Zu mir, ausgerechnet zu mir kommt Jesus. Von seinem Glanz und Ansehen fällt etwas auf mich und mein Haus ab. Das soll einer verstehen, aber egal: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Und Jesus spricht zu ihm: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er [– Zachäus, Oberzöllner von Jericho –] ist Abrahams Sohn.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Jesu Zuspruch schließt an das Gleichnis vom verlorenen Schaf an. Der Gott sucht Menschen, die Menschen, die am weitesten von ihm entfernt zu sein scheinen – Randgestalten, in Armut oder aber in einem obszönen Reichtum lebend. „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“ (Mk 2,17), sagt Jesus von sich selbst. Keine Vorbedingung stellt er auf: Den Ruf in die Gastgeberschaft hat Zachäus längst schon ereilt, bevor er seine Wiedergutmachungsabsicht Jesus erklärt hat. Nicht weil Zachäus sich moralisch gebessert hat, ist seinem Haus Heil widerfahren. Nein, weil Zachäus unter heillosen Umständen gelebt hat, beglückt ihn Jesus mit seinem Hausbesuch. Der Gottessohn kommt allen menschlichen Heilsbemühungen und Sehnsüchten zuvor.

Eines aber ist passiert, als Jesus Zachäus im Baum ruft. Zachäus hält sich nicht in den Ästen des Baumes versteckt. Er zeigt sich, als er den Ruf hört und gibt sich damit die Blöße seines Lebens. Vor dem Gottessohn und vor den Mitmenschen steht er nackt da. Nichts schützt ihn. Aber Jesus wendet sich dem Ungeschützten und Bloßgestellten zu: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Für all die anständigen Menschen, die sich nichts zuschulden kommen lassen haben, mag der Ruf Jesu eine Provokation sein, eine Missachtung ihrer Anständigkeit. Aber vielleicht sind sie es, die ihre eigene Lebensblöße sich nicht eingestehen können.

Hier der Text als pdf.

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