„Das Wort, das hier ge­schrieben steht, ist wahrhaftig das Wort, in dem Gott mit der Welt geredet, ja mehr, in dem er sich mit seinen Erwählten verbunden und verbündet hat“ – Hans Joachim Iwands Vortrag „Die Heilige Schrift als Zeugnis des lebendigen Gottes“

Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Heilige Schrift stellt Hans Joachim Iwands Vortrag „Die Heilige Schrift als Zeugnis des lebendigen Gottes“ bei der Deutschen Evangelische Woche 1936 in Stuttgart dar:

Es mag wie ein Widerspruch in unseren Ohren klingen, wenn wir hören: Die Schrift — das Zeugnis des lebendigen Gottes. Ein Buch, in dem die Worte und Taten des lebendigen Gottes aufgezeichnet sind! In dem sie also einmalig und endgültig festgelegt sind! In dem wir Worte finden, die so gewiß in alle Ewigkeit gelten, als sie da in Buch­staben vor uns stehen, Taten und Ereignisse, die so festliegen, wie diese Berichte, Zeugnisse und Aufzeichnungen abge­schlossen und unabänder­lich überliefert sind. Der Tod Jesu, der der Sünde galt, gilt ein für allemal (Röm. 6, 10)! Das Wort, das Gott in seinem Sohn zur Welt gesprochen hat, ist sein vollkommenes und letztes Wort (Hebr. 1, 2)!

Wen noch nie das Erstaunen über diese Tatsache angekommen ist, der weiß noch nicht, was es bedeutet, wenn wir von der Offenbarung Got­tes reden. Denn alles, was die christliche Kirche tut, ruht auf diesem Wunder, auf der Einheit zwi­schen der Schrift und dem Wort des lebendigen Gottes, freilich einer geglaubten Einheit, die nicht mit der Verbalinspiration, dieser materialisierten Offenbarungstheorie ver­wechselt werden darf. Oder warum predigen wir, indem wir ein Wort der Schrift auslegen? Warum binden und lösen wir die Gewissen der Menschen gemäß dem Auftrag der Schrift? Warum unterrichten wir die Kinder über Gott aus der Schrift? Warum ist sie Inhalt und Richt­schnur alles Unterrichts über Gott, seine Wirklichkeit und seinen Wil­len? Warum lehren wir die Wahrheit Gottes, das Wort der Wahrheit, wie es bei Jakobus heißt, indem wir das Zeugnis der Propheten und Apostel, ihre Reden und Briefe dem zugrunde legen, indem wir lernen, was sie über Gottes Gerechtigkeit, über die Sünde und den Ungehor­sam der Welt, über Knechtschaft und Freiheit, über Gesetz und Evan­gelium, über Glauben und Werke, über Fleisch und Geist gelehrt haben?

Wenn wir das tun, dann doch aus der Gewißheit heraus: Das Wort, das hier ge­schrieben steht, ist wahrhaftig das Wort, in dem Gott mit der Welt geredet, ja mehr, in dem er sich mit seinen Erwählten verbunden und verbündet hat. Er verheißt, was hier verheißen wird. Er redet, was hier mit Vollmacht geredet wird. Er gibt den Predigtauftrag. Er gebietet, was verkündigt und was nicht verkündigt wer­den soll. Er ist das Treibende in dem ganzen Geschehen der Heiligen Schrift, der Handelnde, Zwingende, Gewaltige. Unfreiwillig werden die Menschen, die er sich dazu ersehen hat, in diesen Dienst hineingeholt; wie die Furcht den Menschen überfällt, wenn der Schrei des Löwen ihn in der Einsamkeit der Wüste trifft, so und nicht anders überfällt Todesfurcht den Propheten, den Gott sich zu seinem Werk­zeug machen will (Amos 3, 8). Diese Menschen, die hier als Boten Gottes auftreten, sind alle bereits durch den Tod gezeichnet. Sie ge­hören nicht mehr sich selbst, sie sind nur noch Mund, Stimme, Werk­zeug eines anderen.

Was der Eine uns bezeugt hat, in dem Gott sein letztes, zusammen­fassendes testamentarisches, d.h. durch den Tod besiegeltes Wort gesprochen hat, gilt für den Akt des biblischen Zeug­nisses durchweg: „Ich habe nicht von mir selber geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll“ (Joh. 12, 49). Hier an Jesus Christus wird deut­lich und greifbar, was es für ein Reden und Zeugen ist, das im Zeugnis der Schrift vor uns liegt, am Meister gemessen verstehen wir erst die Knechte. Es ist ein gehorsames Reden, ein Weitergeben des anderswo, bei Gott selbst und von Gott selbst Gehörten. Der Botendienst dieser Männer ist dem Botendienst eines Herolds gleich, der mit der Siegeskunde dem heimkehrenden Heer des Königs voranzieht (Jes. 52, 6 und 7), der seinen Lauf vollenden, seine Nachricht an die bestimmte Adresse bringen muß und der nichts anderes im Sinn haben darf, als wie er sie seinem Auftrag getreu in der Welt kundmacht.

Hier oder da stößt dann der eine oder der andere dieser Menschen, die Gott in seinen Dienst gezwungen hat, einen Klageruf aus, der uns tief hinein­schauen läßt in die Not und Enge solchen Lebens, in die Unfreiheit derer, die Gott für solche Sendung braucht und gebraucht. Da weigert sich einer, er habe eine schwere Zunge und eine schwere Sprache, aber Gott antwortet ihm: „Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? … Geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst“ (2. Mose 4, 11 und 12). Da verflucht ein anderer den Tag seiner Geburt und begehrt, sein Geburtstag wäre sein Todes­tag gewesen, „daß meine Mutter mein Grab gewesen und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre“ (Jer. 20, 17), aber er kommt dennoch nicht los von seinem Gott. Gott ist stärker, er hat das Spiel gewonnen, und der Prophet hat verloren, seitdem ihn Gott im Mutterleibe erkannte und ihm in Gesichten begegnete.

Hier der vollständige Text als pdf.

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