„Der Untergebene soll dahin gebracht werden, die Kategorien der reinen Macht allmählich innerlich zu bejahen“ – Otto Dibelius‘ Kritik des totalitären Staates

Otto Dibelius am 5.11.1959 bei einer Predigt in der Berliner Marienkirche
Otto Dibelius am 5.11.1959 bei einer Predigt in der Berliner Marienkirche

Das sind die Gegensätze. Am „Tag von Potsdam“, den 21. März 1933 hatte Otto Dibelius als Generalsuperintendent in der dortigen Nikolaikirche eine Festpredigt vor den evangelischen Reichstagsabgeordneten gehalten. Darin billigte er die nationalsozialistischen Maßnahmen nach dem Reichstagsbrand, mit denen Regimegegner verhaftet und staatsbürgerliche Rechte weitgehend außer Kraft gesetzt worden waren. Er berief sich auf Martin Luther mit Worten, die zugleich das nationalsozialistisches Handeln an Recht und Ordnung zurückbinden sollten:

„Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßig staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung in Deutschland werde. Aber wir wissen auch, dass Luther mit demselben Ernst die christliche Obrigkeit aufgerufen hat, ihr gottgewolltes Amt nicht zu verfälschen durch Rachsucht und Dünkel, dass er Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gefordert hat, sobald die Ordnung wiederhergestellt war.“

Nachdem Dibelius im Sommer 1933 zunächst von Alfred Jäger als Generalsuperintendent abgesetzt und später in den Zwangsruhestand versetzt wurde, trat er im Juli 1934 der Bekennenden Kirche bei. Nach dem Krieg fungierte er ab 1948 als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. In dieser Eigenschaft hatte er sich schon früh mit dem SED-Regime angelegt. In seinem Brief „Obrigkeit? Eine Frage an den 60jährigen Landesbischof“ an den Hannoverschen Landesbischof Lilje zu dessen 60. Geburtstag am 20. August 1959 (später auch als Buch veröffentlicht) bestritt Dibelius, dass das SED-Regime in der DDR als Obrigkeit im Sinne von Kapitel 13 des Römerbriefs zu akzeptieren sei:

„Wir haben den totalen Staat erlebt und erleben ihn noch. Für den totalen Staat ist zweierlei kennzeichnend. Nämlich erstens das, daß er sozusagen quantitativ total ist. Das heißt, ihm gehört schlechterdings alles. Nicht nur, was ein Volk an materiellen Gütern besitzt, sondern ihm gehören die Menschen. Ihm gehören Arbeitskraft und Lebensleistung. Ihm gehört die Kindheit und das Alter. Ihm gehört das Reden, das Denken und das Fühlen der Menschen. Ihm gehört die Arbeit und die Erholung. Ihm gehört alles. Alles wird von oben her geplant, gelenkt und bewirtschaftet.

Und zweitens — das ist für uns das Wichtige — der Staat bestimmt die Normen. Er bestimmt auch, was gut und böse ist. Gut ist, was dem Regime förderlich ist; schlecht ist, was dem Regime schaden könnte. Das hat der Ministerpräsident der DDR mit klaren Worten gesagt. Die christlichen Begriffe von gut und böse sind überholter Plunder. Lügen ist gut, wenn das Regime davon Vorteil hat; es ist schlecht, wenn es den Machthabern schadet. Treubruch wird belohnt, wenn er im Interesse des Staates liegt; er wird bestraft, wenn er dem Staat Nachteil bringt. Und dies alles nicht als Ausnahmefall, sondern als Norm, als Regel, als Grundsatz sozialistischer Sittlichkeit. Der Staat aber — das ist die kleine Gruppe derer, die die Macht an sich genommen haben. Darüber hat Milovan Djilas das Nötige gesagt.

Es geht hier nicht so sehr darum, ob der Staat die Kirche verfolgt oder die Christen unter Gewissensdruck setzt, indem er von ihnen etwas verlangt, was sie mit ihrer inneren Einstel­lung nicht vereinbaren können. Jeder totale Staat tut das, der eine in massiver, der andere in weniger krasser Form. Das Entscheidende ist vielmehr, daß durch ein(e) neue Ordnung der Werte das gesamte sittliche Denken und Fühlen umgestaltet werden soll. Der Untergebene soll dahin gebracht werden, die Kategorien der reinen Macht allmählich innerlich zu bejahen.

Es steht also nicht so, wie immer wieder behauptet wird, daß auch in einem widerchristlichen Machtbereich „ein Minimum von Recht“ geschützt werde. In einem totalitären Bereich gibt es überhaupt kein Recht im christlichen Sinn des Wortes. Weder ein Maximum, noch ein Mini­mum, sondern überhaupt kein Recht. Es ist doch kein Zufall, daß in der DDR das Wort „Recht“ mehr und mehr in Fortfall kommt. Es gibt nur noch eine „Gesetzlichkeit“ — d. h. also eine Anzahl von Bestimmungen, die die Machthaber im Interesse ihrer Macht erlassen und nun mit ihren Machtmitteln durchsetzen. Das „dir zu gut“ des Paulus ist ebenso außer Kraft gesetzt wie das Wort von der „Dienerin Gottes“. Der atheistische Totalstaat bestreitet das natürlich. Für ihn ist es selbstverständlich, daß es auch mein persönliches Glück und mei­ne persönliche Freiheit bedeuten wird, wenn ich gleichgeschaltet werde. Ein wenig Gehirnwä­sche wird daher „mir zugut“ vorgenommen. Aber der Christ kann da nun einmal nicht mit! Natürlich wirkt in der Praxis die alte zweitausendjährige „bourgeoise“ Vorstellung noch nach, daß es wenigstens in gewissen Dingen gleiches Recht für alle geben müsse. Aber dieses alte Recht wird auf jede Weise bekämpft. Das neue „Recht“ ist ein Mittel, um die Macht der herr­schenden Klasse aufrechtzuerhalten. Für die herrschende Klasse – nicht für den Menschen als solchen! – ist es wichtig, daß eine gewisse Ordnung herrscht. Wenn jeder geht und fährt und baut und Geschäfte macht, wie er will, dann ist diese Herrschaft nicht aufrechtzuerhalten. Deshalb – grundsätzlich nur deshalb! – muß Ordnung sein!

Das ist die radikale Verneinung von allem, was Römer 13 geschrieben steht. Das Wort „Ob­rigkeit“ so wie der Deutsche dies Wort empfinden muß, hat hier seinen Sinn verloren. Von Machthabern eines totalen Staates soll man nicht als von „Obrigkeit“ reden.“

Da mögen die eigenen theologischen Sympathien bei anderen Theologen wie Hans Joachim Iwand sein. Und Dibelius kirchenpolitisches Wirken (»Dibelianismus«) mag mitunter fragwürdig gewesen sein. Aber seine Kritik des totalitären Staats hat seine bleibenden Berechtigung.

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