„Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben“ – Eberhard Jüngel über den Tod in seinem RGG4-Artikel

Eberhard Jüngel hat als einer der vier Herausgeber der RGG4 sich bei seinen Artikel souverän über die editorischen Richtlinien hinweggesetzt. Neben seinem subversiven Beitrag „Wein und Wahrheit“ sind seine Artikel Miniaturen seiner eigenen Theologie. Ausgestattet mit extensiven Quellenangaben im Text und unter Ignorierung der vorgegebenen Spartenlogik fasst er zusammen, was ihm selbst am Herzen liegt, so auch in seinem Artikel über den Tod:

Theologische Definitionen des Todes haben die überwiegend negativen Konnotationen der Rede vom Tod in den biblischen Texten methodisch zu berücksichtigen, also davon aus­zugehen, daß der Tod als ein im Zeichen des göttlichen Zornes über den Sünder verhängter, aus dem Sündigen resultieren­der »Fluchtod« zu begreifen ist. Erst nach Würdigung dieses bedrückenden Sach­verhaltes läßt sich legitimerweise fragen, ob der Tod auch als das vom Schöpfer gewollte und deshalb gut zu heißende Ende des menschlichen Lebens zu begreifen ist und also zur von Gott bejahten guten Natur des Menschen gehört. Die Mög­lichkeit eines das irdische Leben beendenden, ja vollendenden »natürlichen« bzw. »kreatürlichen« Tod erschließt sich vom Neuen Testament her als Erfahrbarkeit des durch den Tod Christi von seinem Fluchcharakter befreiten Tod, über den hinaus für den irdischen Menschen nicht die Fortsetzung des gelebten Lebens, sondern nur Gott selbst als »Jenseits« in Betracht kommt. Gott aber wird in seiner Existenz als Vater, Sohn und Geist von den Glaubenden als das in ursprünglicher Weise beziehungs­reiche Wesen erfahren und begriffen. Das Leben des als Ebenbild Gottes ge­schaffenen Men­schen ist folglich ebenfalls ein bezie­hungsreiches Leben, das sich als Verhältnis des Men­schen zu sich selbst, zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt und zu Gott vollzieht. Wann und wo immer der Beziehungsreichtum des menschlichen Lebens lädiert wird, ist nach biblischem Verständnis bereits der Tod am Werk.

Ist des Menschen Sünde dessen Drang in die durch rücksichtslose Selbstverwirklichung ent­stehende Beziehungslosigkeit und ist der Tod das aus diesem Drang resultierende »Fazit« (Röm 6, 23), dann ist der Tod zu definieren als Eintritt vollständiger Beziehungslosigkeit, in der nicht nur des Menschen Verhältnis zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt und zu sich selbst, sondern auch sein Verhältnis zu Gott und insofern eben sein Leben endet. Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben. Kraft der sich im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi durchsetzen­den und offenbarenden Liebe, die Gott selber ist, schafft dieses konstante Verhältnis Gottes zum im Tod endenden menschlichen Leben jene neuen Beziehungen, in denen sich des Men­schen ewiges Leben vollzieht. Nun kann der Tod auch als das von Gott gesetzte gute Ende des menschlichen Lebens bejaht und Sterben sogar als Gewinn begrüßt (Phil 1, 21) werden. Doch nicht der Mensch vollbringt sterbend eine letz­te, das eigene Leben vollendende Tat, die dann gar als »die Tat des Wollens schlechthin« zu verstehen wäre. Der Tod führt den Menschen vielmehr in eine letzte Passivität, die nur Gott selbst mit neuer Aktivität zu beleben vermag.

Hier Jüngels vollständiger Text als pdf.

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