„Am Anfang der Re­formation steht kein sich selbst täuschen­der Optimismus, sondern ein neugewonnener Sinn für die Entdeckung der Wirklichkeit Gottes und des Menschen“ – Hans Joachim Iwands Vortrag „Martin Luther – Der Kampf um die reine Lehre“

In Hans Joachim Iwands Vortrag zu Martin Luther und den Werdegang der Reformation, die dieser im Oktober 1958 in der evangelischen Matthäi-Kirchengemein­de in Düsseldorf gehalten hatte, klingt es hin und wieder pathetisch. Und manche Aussage mag historisch nicht ganz zu halten sein. Und doch bringt Iwand wie kein anderer in seiner Erzählung reformatorischer Ereignisse die evangelische Lehre zur Geltung:

Er hatte seine 95 Thesen unbemerkt drucken lassen und schritt nun, gegen 12 Uhr mit­tags, von seinem Famulus Eisleben begleitet, vom schwarzen Kloster der Augustinereremiten zur Schloßkirche, wo öfter solche Disputationsthesen angeschlagen wurden. Die Thesen wa­ren in Latein verfaßt, nur für die wenigen hier lebenden Gelehrten und Geistlichen bestimmt. Niemand in dieser kleinen Stadt hat den Vorgang weiter beachtet. Niemand hat sich zu der für den nächsten Tag angesetzten öffentlichen Disputation gemeldet. Aus der ängstlichen Reak­tion, die bald darauf seine Ordensbrüder und Freunde zeigten, darf man vielleicht schließen, daß sie sich gescheut haben, das heiße Eisen anzupacken. So ging der Thesenanschlag in Wit­tenberg stillschweigend vorüber, Luther mußte sein Plakat am anderen Tage wieder entfernen.

Das sorgfältig vorbereitete Ereignis war ein Stoß ins Leere gewesen. Nichts, gar nichts war dabei herausgekommen, und die Sache wäre ins Nichts versunken, hätte Luther nicht noch anderes getan. Er gab nämlich je ein Exemplar der Thesen mit begleitenden Schrei­ben an sei­ne beiden kirchlichen Vorgesetzten, an den Bischof von Brandenburg und an den Erzbi­schof von Mainz, der in Aschaffenburg residierte. Weitere Exemplare packte er ein, um sie an Freun­de in Nürnberg und Basel zu schicken, von denen er eine Stellungnahme und Kritik erbat. Dort sprang der Funke über! Die 95 Thesen kamen nach Rom, und sie kamen gleich­zeitig in die Hände der deutschen Nation, der Gelehrten wie der einfachen Leute. Die Freunde hatten sie, ohne Luthers Zustimmung einzu­holen, übersetzen und drucken lassen, lateinisch und deutsch fluteten sie über das Land, als Flugblätter und in Buchform. Auch ließ sich der junge Buchhandel das Geschäft nicht entgehen. Ein Versuch Luthers, die Sache zu stoppen, sein Hinweis, daß es sich ja um herausfordernde Thesen zum Zwecke einer gelehrten Dis­pu­tation handele, kam zu spät.

Der Sturmwind war in die Glocke gefahren, diese hatte von selbst zu läuten begonnen, und der Klang, der von ihr ausging, brachte ein ganzes Land zum Auf­hor­chen und Erwachen. Man nimmt an, daß Luthers Thesen durch ganz Deutschland in etwa einem Vierteljahr verbreitet waren — für die damalige Zeit ein Ereignis ohne Bei­spiel. Sie kamen wie ein frischer Regen über ein dürres, ausgetrocknetes Land, wie eine Erlö­sung aus lange getragener und trotz aller Reformversuche nicht behobener innerer Not. Nicht nur Priester und Laien, auch höhere Grade der Hierarchie loben sie und sehen in ihnen einen Weg gewiesen, zu den echten Quellen des Glaubenslebens zurück­zukehren, zum Bekenntnis echter Schuld und zum Empfang echter Vergebung, zu dem, was nur vor Gott selbst offenbar wird, und dem, was nur Gott selbst schenken kann.

Die Thesen beginnen mit dem Ruf zur Buße, und zwar zu einer Buße, die als Grund­haltung das ganze Leben durchdringt und sich nicht auf einzelne Sünden und Mängel bezieht, und sie enden mit der Scheidung zwischen den falschen und den echten Propheten: „Wehe denen, die sagen: Friede, Friede, und ist kein Frie­de — Heil denen, die sagen: Kreuz, Kreuz, und ist kein Kreuz.“ Wie zwei Pfeiler, die eine Brücke tragen, bestimmen Buße und Kreuz das Ganze. Alles, was Luther hier zu sagen, was er an der Kirche zu kritisieren, was er in Jesus Christus positiv zu verkünden hat, hängt an die­sen beiden festen Punkten. Er hat später einmal gestanden, wie wenig lieb ihm das Wort Buße anfänglich war, bis er mit Hilfe seines Ordensoberen, Johann Staupitz, in einem beson­ders er­leuchteten Moment verstand, was Buße vom Evangelium her be­deutet: daß sie mit der Liebe zu Gott beginnt, nicht mit dem Be­denken begangener Fehler, und daß in dieser Liebe die Kraft liegt, die entscheidende Wendung zu vollziehen, die den Menschen von sich selbst und seinen Begierden frei macht und ihn lehrt, zu lieben, was wirklich liebenswert ist, und zu hassen, was Haß verdient.

Wenn der Mensch beginnt, Gott zu lieben, Gott alles in allem sein zu lassen, kann er nicht mehr in sich selbst ver­krampft sein. Es ist damit ähnlich wie mit dem Licht der Sonne, das am Morgen aufgeht. In diesem Lichte verlieren die künst­lichen Lichter, mit denen wir uns die Nacht zu erhellen suchen, ihren Schein. Man muß das alte prophetische Wort Umkehr, Wandlung, Metanoia gebrauchen, um zu verstehen, was mit Buße gemeint ist. Eine Verwandlung geht mit dem ganzen Menschen vor sich, eine Verwandlung, die über sei­nen Verstand und sein Vermögen geht und der gegenüber er passiv ist wie der Mensch in seiner Geburt. Die Liebe Gottes läßt ihn nicht den bleiben, der er von Natur aus ist, sie macht ihn neu. Sie macht den Sünder gerecht, den Toten lebendig, den verlorenen Sohn zum Kind des Hauses.

Wenn Luther am Schluß vom Kreuz redet, so müssen wir uns auch das verdeutli­chen: Diese Begegnung mit Gott ist bitter. Kreuz heißt Begegnung mit der Realität Gottes. Das Kreuz Jesu Christi offenbart uns die Welt in ihrem wahren Sein vor Gott. Es zeigt uns den Menschen, auch den frommen, in seiner Ver­lorenheit. So steht es um uns vor Gott. Luther wendet sich dabei gegen solche Theologen, die die Theologie als Weltverklärung betreiben. Das sind ihm falsche Propheten. Am Anfang der Re­formation steht kein sich selbst täuschen­der Optimismus, sondern ein neugewonnener Sinn für letzte Realität, für die Entdeckung der Wirklichkeit Gottes und des Menschen. Dieser tapfere Glaube wendet sein Angesicht ganz und gar der furchtbaren Wirklichkeit zu, der Wirklichkeit in uns und um uns, wie sie vor Gott und durch Gott vor aller Welt offenbar ist — mit der nimmt er den Kampf auf. Nicht aus eige­ner Kraft, aber aus der Kraft dessen, der am Kreuz das Gericht über unsere Wirklichkeit ent­hüllt und diese zugleich verändert hat. „Der Kreuzestheologe sagt, was wirklich los ist“, schreibt Luther einmal.

Seine Theologie ist schonungsloser Realismus der Tiefe und der Höhe, des Zorns und der Gnade. Weil es um den wirklichen Gott geht und um den wirklichen Menschen, darum muß der eingebildete Himmel und die eingebildete Menschennatur aus dem Blick gebracht werden. Das ist das Große, was in den Thesen hervorbricht: Der leiden­schaftli­che Hunger nach Realität, aber auch die darin verborgene Gewißheit, daß Gottes Wirklichkeit in Jesus Christus größer ist als alles, was wir als Wirklichkeit erfahren, sei es die Sünde, sei es der Tod. Darum ist der Christ zugleich beides, Sünder und gerecht, doch so, daß der Glaube unsere Sünde zum Weichen bringt und die Gerechtigkeit Gottes im Kommen weiß. Wie am Morgen noch beides da ist, Nacht und Tag, aber die Nacht weicht und der Tag heraufzieht, so ist auch im Leben der Glaubenden beides gemischt. „Christianus semper est in fieri.“ Der Christ ist immer im Werden. Sein zeitliches Dasein ist ein crespulum matutilum, eine Mor­gendämmerung.

Hier Iwands vollständiger Text „Martin Luther – Der Kampf um die reine Lehre“ als pdf.

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