„Identitätspolitik ist nichts anderes als amerikanischer Evangelikalismus, angewen­det auf die kulturelle Sphäre“ Mark Lillas Abrechnung mit der US-amerikanischen Linken

Ich halte Mark Lillas Erklärung, wie es zu einer narzisstischen Identitätspolitik bei der US-amerikanischen Linken gekommen ist und seine Kritik an ihr für sehr aufschlussreich. Sein diesbezügliches Buch The Once and Future Liberal: After Identity Politics vom August 2017 ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Aber was er jüngst in dem Interview mit der ZEIT „Die wollen deine Seele“ von sich gegeben hat, spricht für sich:

„Wichtig war jene Umbruchphase, als weiße Amerikaner in die Vorstädte zogen. Dadurch lösten sich traditionelle Bindungen, während die Menschen gleichzeitig wohlhaben­der und individualistischer wurden. Aus dieser neuen suburbanen Welt heraus ist einerseits die mit Reagan verbundene neoliberale Ideologie entstanden, also ökonomischer Individua­lismus – andererseits aber auch ein starker kultureller Individualismus. Man wollte sich selbst definieren dürfen – seine Identität. Frauen wollten sich von tra­ditionellen Familienmodellen befreien. Man war plötzlich auf Sinnsuche. Als diese Sinnsuche dann mit politischen Fragen verknüpft wurde, begann die Identitätspolitik. Man wollte gleich­zeitig etwas in der Welt bewegen und sich eine Identität zulegen. […]

Identitätspolitik ist nichts anderes als amerikanischer Evangelikalismus, angewen­det auf die kulturelle Sphäre. Wenn europäische linke Bewegungen sich radikalisieren, wer­den sie gewalttätig, sie bekämpfen den Staat, wie die RAF. Wenn linke amerikanische Gruppen sich radikalisieren, werden sie zu evangelikalen Sekten. Sie bekämpfen nicht den Staat – die wollen deine Seele. Die wollen, dass du niederkniest und deine Sünden beichtest. Das ist, was Identitätspolitik letztlich will. Nicht eine Änderung der Machtverhältnisse. In der Politik sollte man die Messlatte für Einigkeit nie höher legen, als es sein muss. Wenn ich Sie überzeugen kann, Demokraten zu wählen, nur indem ich sage: „Dein Kind ist krank, und du kannst deine Arztrechnungen nicht mehr bezahlen. Republikaner interessiert das aber nicht!“ – dann ist das alles, worüber ich sprechen muss. Identitätspolitik heißt aber, bei jemandem an die Tür zu klopfen und zu sagen: „Hallo, ich komme von der Demokratischen Partei, aber bevor ich Ihnen von unserem Wahlprogramm erzähle, muss ich Ihnen erst drei Strafzettel ausstellen. Einen für Ihre weißen Privilegien, einen für Rassismus und einen für Homophobie. Bitte wählen Sie uns am Dienstag!““

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