„Glaube ist eine über die Jahr­hunderte wei­tergegebene innere Haltung“ – Aus dem neuen Evangelischen Elementarkatechismus zitiert

In dem jüngst erschienenen Evangelischen Elementarkatechismus, den die Kirchenleitung der VELKD in Auftrag gegeben hat, stellt Melanie Beiner vor, was christlicher Glaube besagen soll. Sie folgt dabei – wie nicht anders zu erwarten – dem liberalprotestantischen „Experiental-Expressive Model“ (nach George A. Lindbeck, The Nature of Doctrine).  So darf sich christlicher Glaube in intimer Harmlosigkeit ganz privat zeigen:

Glauben

Urvertrauen am Küchentisch. Mein Glaube ist an den Küchentischen meiner Kindheit und Jugend entstanden. Ist emporgewachsen von knarzenden Dielen, an Schürzen entlang und über abwaschbare Tischdecken hinweg. Hat sich genährt von den Worten des Trostes und Friedens, im Weinen und Lachen, hat sich festgebissen an harten Wahrheiten und zähen Diskussionen, hat sich gelöst von zu engen Sitten und zu süßen Verzierungen, hat gefragt und gezweifelt, als wieder ein Platz leer wurde, hat Nächte durchwacht und durchwandert, hat immer noch zurückgefunden und gesehen: Es ist warm. Es ist hell. Du bist in Sicherheit. Der Tisch ist gedeckt.

Was Glauben bedeutet

Das Wort »glauben« stammt von dem althochdeut­schen »gilouben« ab. Es bedeutet »gut­heißen«, »für lieb halten«. Für »glauben« kann man auch das Wort »ver­trauen« einsetzen. So bezieht sich glauben auch auf Gott. »Gott nennt man denjenigen oder dasjenige, von dem man alles Gute erwartet und bei dem man Schutz sucht in allen Notfällen«, schreibt Martin Luther.

Glauben ist ein Vertrauen darauf, dass das Leben und mein Dasein einen guten Sinn haben.

Glaubst du (an) Gott? Die Frage wird oft gestellt. In ihr schwingen Unsicherheit oder Unver­ständnis mit. Kann man einem Gegenüber vertrauen, das man nicht sieht oder hört, wie man andere Menschen sieht oder hört? Ist das nicht naiv und unmodern?

Wachsendes Wissen von Menschen wird in Konkur­renz zum Glauben gesehen. Je mehr ich naturwissen­schaftlich, soziologisch oder psychologisch erklären kann, desto weniger brauche ich einen übernatürli­chen Urheber – so könnte man die Kritik zusammenfassen.

Glaube ersetzt aber das Denken nicht. Glaube und Wis­sen sind keine Gegensätze.

Im Gegenteil: Die Fähigkeit, über das eigene Da­sein hinauszudenken und Theorien und Techniken zu entwerfen, ist eine Gabe und eine Chance, die Erde als lebenswert zu bewähren.

An Gott glauben

Glauben ist Begegnung und Gespräch mit Gott. Gott spricht den Menschen an; er zeigt ihm, wer er ist und was er für ihn tut. Darauf antwortet der Mensch.

Erfahrungen, die Menschen als Begegnungen Got­tes gedeutet haben, werden in der Bibel literarisch in Erzählungen verarbeitet.

Den Israeliten begegnet Gott in ägyptischer Gefan­genschaft. Ihr Anführer Mose begegnet der Gegenwart Gottes in einem brennenden Dornbusch. Gott fordert ihn auf, aus der Gefangen­schaft auszubrechen. Gott zeigt sich dabei als Gott, der mit den Menschen geht und sie in die Freiheit führt.

Gott begegnet Maria, der Mutter Jesu, und ver­heißt ihr einen Sohn. Gott zeigt sich als Gott, der über unser menschliches Vermögen und Können hinaus­geht und dennoch menschlich ist.

Die Bibel enthält auch Erzählungen von einem zor­nigen und leidenschaftlichen Gott, der bestraft und vernichtet. Offenbar haben Menschen sich von Gott nicht nur bewahrt, sondern auch gefährdet erlebt.

Neben männlichen Bildern wie dem Hirten und dem Herrscher finden sich auch weibliche Bilder, bei­spielsweise von Gott als Mutter, die sich um ihre Kin­der sorgt.

Auch heute deuten Menschen Erfahrungen als Got­tes Wirken. Glaube ist eine über die Jahr­hunderte wei­tergegebene innere Haltung, die ganz erfassen kann, die mal beunruhigt, mal antreibt, mal herausfordert, mal still macht — in der Zuversicht, dass sich Leben in der Nähe Gottes erfüllt.

An Jesus Christus glauben

»Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn.« Christinnen und Christen glauben daran, dass Gott sich in Jesus Christus gezeigt hat; darum nennen sie Jesus »Gottes Sohn«. Jesus Christus ist nicht nur ein Mensch, der nach göttlichem Willen gelebt hat. In ihm ist Gott selbst Mensch geworden und hat sich in einer ganz bestimmten Weise gezeigt: verletzlich und liebend.

In der Lehre Jesu Christi zeigt sich auch eine Vor­stellung vom Reich Gottes: Menschen gehen barm­herzig und gnädig miteinander um, können einander vergeben und Frieden üben. Sie können das Leben genießen und sich für Gerechtigkeit einsetzen. Sie können mitleiden und traurig sein im Angesicht des Todes. Sie bewahren die Hoffnung, dass sich das Leben in Got­tes Gegenwart vollendet.

An den Heiligen Geist glauben und in der Gemeinschaft feiern

Glauben kann ich nicht herstellen und aus eigenem Willen produzieren. Glaube erschließt sich. Im In­nern werde ich gewiss gemacht: Gott, du bist da. Dass sich diese Gewissheit einstellt, wird auch als Handeln Gottes verstanden. Gott wirkt in uns durch den Geist. Men­schen lassen sich von Gottes Geist bewegen und geben ihn weiter. Glaube entsteht auch in der Begeg­nung mit denen, die in Worten und Taten Gottes Nähe zeigen.

Glaube wird in der Kirche als der Gemeinschaft der Heiligen gelebt und gefeiert. Damit sind alle die gemeint, die sich im Geist Gottes vereint finden, sich darin stärken, versichern, befragen und Gott feiern.

Ihren Glauben erfahren Menschen vielfältig und unterschiedlich. Im gemeinsamen Bekenntnis soll zum Ausdruck kommen, dass diese Erfahrungen von der gleichen Hoffnung getragen sind, auf Gott, den Schöpfer und die Bewahrerin allen Daseins, den Sohn, der liebt und vergibt, und den Heiligen Geist, die er­neuernde und beseelende Kraft.

Quelle: Mit Gott leicht gesagt. Evangelischer Elementarkatechismus, im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD erarbeitet, hrsg. v. Martin Rothgangel, Michael Kuch und Georg Raatz, Gütersloh 2017, 14-18.

2 Kommentare

  1. Das ist der Text, der von Melanie Beiner ursprünglich erstellt und dann im Katechismusausschuss redigiert worden ist.

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