„Es ist das Wesen dieser seltsamen Wesen, dass sie Welt und menschliches Dasein in ihrer Weise ausle­gen“ – Heinrich Schlier über Mächte und Gewalten im Neuen Testament

Ausgerechnet ein Bultmannschüler, nämlich Heinrich Schlier (1900-1978), hat sich an einer „dämonologischen“ Interpretation des Neuen Testaments versucht. Sein Aufsatz „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament“, der eine Zusammenfassung seines  Büchleins Mächte und Gewalten im Neuen Testament (Freiburg-Basel-Wien: Herder 1958) ist, provoziert, wenn er schreibt:

Wenn es nun das Treiben der dämonischen Mächte ist, sich des Menschen und seiner Welt zu bemächtigen, um verborgen ihr Machtwesen durchzusetzen, was geschieht dann eigentlich unter solcher Bemächtigung? Das können wir noch etwas deutlicher sagen und dabei uns nun auch dem Kern ihres Wesens nähern. Es ist ihr Wesen, daß sie die Menschen, die Natur, die geschichtlichen Situationen und auch Institutionen, aber auch die geistigen Realitäten, deren sie sich bemächtigen, zu der Erscheinung ermächtigen, die sie ihnen auferlegen. Es ist das Wesen dieser seltsamen Wesen, daß sie Welt und menschliches Dasein in ihrer Weise ausle­gen. Dieses „Auslegen“ meint, daß sie die Dinge nicht nur in einem bestimmten Ansehen vorkommen, sondern auch in einer bestimmten Verfassung begegnen lassen. Auslegen meint hier nicht nur in bestimmter Weise vorstellen, sondern auch in bestimmter Weise herstellen. Auslegen meint, sie in bestimmter Weise darstellen. Auslegen als erschließende Darstellung ist die Wesensart des Geistes überhaupt, sie ist auch die Wesensart des Geistes, von dem wir reden. Solche Auslegung gibt – um ein Beispiel zu nennen – den Götterbildern, die in der Tat doch „Nichtse“ sind, wie die Bibel sie nennt, das Hinreißende und Zwingende von übermäch­tig Seiendem. Solche Auslegungen – um ein näheres Beispiel zu nennen – läßt die Welt in ihrer Gesamtheit dem Menschen als das einzig und ewig Reale trotz alles Selbstwiderspruches erscheinen.

Diese Auslegung von Welt und Dasein durch die Mächte, die sie verborgen beherrschen, geschieht aber in einer bestimmten Intention. Man kann auch sagen: die Mächte legen Welt und Dasein nach bestimmten Kategorien fest, die ihre Grundintention verraten. Die eine Kate­gorie ist der Tod. Sie bemächtigen sich eines Menschen oder seines Geistes in der Weise, daß sie ihn zum Tod ermächtigen. d. h. daß er, selbst durch sie zerstört, anderen zur Zerstörung wird. Darin und überhaupt im Verstören, Vereiteln, Verderben, Vernichten, Verwesen erfüllt und erweist sich die Tendenz ihres Wesens. Der Teufel hat, wie Hebr 2,15 sagt, „die Gewalt des Todes“. Seine Gewalt ist der Tod. Und somit hält er auch die Menschen „durch Todes­furcht das ganze Leben in Sklaverei“. Seine andere Kategorie, in der er die Dinge erscheinen läßt, ist „Versuchung“. Personen und ihre Handlungen. ihre Gestalt, ihr Wort, ihre Gebärde, ihr Denken usw., Situationen, geistige Bewegungen und ihr Niederschlag, kurz die ganze Fülle des ständig wechselnden Lebens (und Sterbens!) erscheinen auf einmal kraft eines sie auslegenden Geistes verlockend und drohend. Das Zuträgliche und Abträgliche, Abbruch und Steigerung des Lebens sind Mittel und Weisen des Teufels, sein versucherisches Wesen durchzusetzen und den Menschen sich verfallen zu lassen in der Sünde zum Tod. Bei solchem verführerischem Entwurf der Welt im ganzen und einzelnen gebraucht er noch eine dritte Kategorie: die Lüge. Im Johannesevangelium sagt Jesus vom Teufel: „Wenn er Lüge redet, spricht er aus eigenem, denn er ist ein Lügner“ (8,44). Sein Wesen ist schon als das des Ver­derbers und Versuchers bewußt täuschende und in die Irre führende Vor­ und Verstellung der Dinge in seinem Geist. Denn der Tod, den er präsentiert. und die Welt, die er darstellt, sind Lüge. Aber auch abgesehen davon ist alles Licht, das er aufleuchten läßt, das Aufgehenlassen eines täuschenden Scheines über der Wirklichkeit, das Erwecken ungeheurer Illusionen, die z. B. den antichristlichen Staat, „die Könige der ganzen Erde“, zum Krieg gegen Gott be­wegen (Apk 16,14), und überhaupt die Aufrichtung der Herrschaft des Undurchsichtigen (Apg 26,18; Kol 1,13), in der die Menschen leben oder vielmehr untergehen sollen. Bei allem aber kennt der Satan zuletzt eigentlich nur eine Kategorie, in der er Welt und Dasein darstellt. Sie wird im NT nur einmal und zwar dort genannt, wo er „der Ankläger unserer Brüder, der sie vor unserem Gott anklagt Tag und Nacht“ (Apk 12,10), heißt. Sie offenbart die Tiefe der anderen Kategorien und ihr eigentliches Ziel. Die täuschende, von Gott versucherisch lösende und dem Tod anheimgebende „Interpretation“ der Welt und des Menschen hat den teuflischen Ton einer Anklage vor Gott. Das menschliche Leben, vom Tod verblendet und sich selbst zugefallen, steht darin auf als absolute Schuld.

Hier der vollständige Text „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament“ als pdf.

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