„Das Schöpfungs­geheimnis spielt mit dem Menschen …“ – christliche Weisheit nach Gerhard von Rad

In seiner Miszelle „Christliche Weisheit?“ stellt Gerhard von Rad die Schöpfung als Offenbarung wie auch als Geheimnis in Bezug auf Gott vor:

Die Schöpfung hat nicht nur ein Sein, sie hat auch eine Aussage. Auch in den täglichen Widerfahrnissen kann man „lesen“. In der Gottesrede im Hiob gibt Gott der Schöpfung das Wort; offenbar ist sie ermächtigt, in diesem Streitfall das Wort zu ergrei­fen. Immer anspruchsvoller wird diese Vorstellung von dem Selbstzeugnis der Schöpfung in jüngeren Lehrdichtungen, wie etwa in Spr. 8 entfaltet. Die weltimmanente Weisheit ruft den Menschen. Aus der Schöpfung ergeht geradezu ultimativ ein Ordnungswille:

„Durch mich regieren Könige
und Amtsträger bestimmen, was recht ist.“
(Spr. 8, 15)

Auf diese Selbstoffenbarung der Schöpfung geht also der Wahrheitsbesitz aller Völker zu­rück. Ja, ein Heilsangebot geht voll ihr aus, das den Menschen in einen Liebesdialog mit der Schöpfung hineinzieht („Ich habe lieb, die mich lieben“ Spr. 8, 17). Das Schöpfungs­geheimnis spielt mit dem Menschen, es liebt ihn, lädt ihn in seine innersten Gemächer ein, ja, es sitzt schon vor seiner Türe! Hier vollzieht sich eine ans Mystische grenzende Auslieferung des Menschen an die Herrlichkeit des Seins. Hier wirft sich der Mensch mit Lust einem Sinn entgegen; er entdeckt ein Geheimnis, das schon auf dem Weg ist, sich ihm zu schenken.

Diese Wirklichkeit ist in ihrem Gewähren oder Verweigern dem Menschen durchaus per­sönlich zugekehrt. In einer unendlichen und nie ganz unverständlichen Beweglichkeit meint sie immer ihn. Immer spielt sie in dem Verhältnis des Menschen zu Gott mit. Israel hat sich diesem Existenzialbezug, diesem Andringen der Umwelt auf den Menschen gestellt, und es vermochte diesem Geschehen Sinn abzugewinnen.

Die Schöpfung ist vertrauenswürdig (ein weites Feld weisheitlicher Belehrung!). Das gilt nicht so im Sinne unseres „Gottvertrauens“, sondern eines Vertrauens zur Schöpfung, die dem, der sich auf sie einläßt, selbst ihre Wahrheit erweist. Dieses Vertrauen zum Leben konn­te sich nach der Überzeugung der Weisen auf bestimmte Erkenntnisse und Erfahrungen beru­fen.

Dem widerspricht freilich der Prediger Salomo radikal: „Es ist alles nichtig.“ Eine rationale Durchforschung des Lebens vermag nach seiner Meinung keinen tragfähigen Sinn zu ergeben. Aber dem ist nun nicht so, daß seine Thesen einfach auf einer genaueren, kritischeren Wirk­lichkeitserkenntnis stünden. Das Gespräch mit seiner Umwelt ist ebenso abgerissen wie sein Gespräch mit Gott. Er hat kein Vertrauen mehr. Hier steht also nicht realistische Erfahrung gegen „dogmatische“ Voreingenommenheit, sondern es steht Erfahrung gegen Erfahrung. Die Weisen sprachen eine Erfahrung aus, die immer im Gespräch mit ihrem Glauben stand. Es gibt aber keine absolute kritische Instanz, die feststellen könnte, wie viel oder wie wenig eine solchermaßen vom Glauben umfangene Vernunft der Erfahrung entnehmen kann. Im Radika­lismus seines Fragens ist der Prediger ganz zum Zuschauer geworden. Von jeder aktiven Lebensgestaltung hat er sich zurückgezogen und damit sich von vornherein von einem weiten Bereich entscheidender Erfahrungen ausgeschlossen. Derart verarmt geht er gleichwohl in seinem Versuch eines Weltverständnisses aufs Ganze; er bürdet der Erfahrung die Beant­wor­tung der Heilsfrage schlechthin auf und er gelangt – wieder im Unterschied zu den Weisen, die summarischen Abstraktionen aus dem Wege gingen – zu dem Fazit „Nichtigkeit“. Aber die Frage, ob sich ein Widerfahrnis dem einen verschließt oder ob es sich dem andern öffnet, läßt sich nicht allein aus dem Temperament oder dem Vorstellungskreis des Betroffenen beant­worten. Sie weist vielmehr zurück in den Bereich jenes verborgenen Gesprächs des einzelnen mit seiner Welt, das eben kein Monolog des auf sich selbst zurückgeworfenen Men­schen ist. Der Prediger war außerstande, mit der auf ihn eindringenden Welt in ein Gespräch einzutreten. Sie war für ihn zu einem stummen abwei­senden Draußen geworden. Übrigens darf man die Weisen ja nicht dem Prediger als die alles Verstehenden gegenüberstellen. Sie waren auch Dithyrambiker des Geheimnisses. Sie haben das Geheimnis geradezu zum Lehr­gegenstand erhoben. Aber dieses Geheimnis ist nie als ein Mysterium der Welt in ihrer Tiefe inhärent; es bleibt immer das Geheimnis Gottes.

Hier der vollständige Text „Christliche Weisheit?“ als pdf.

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