„Mission ist Evangelium und nicht Gesetz“ – Lesslie Newbigin und die Mission in der Nachfolge Christi

Lesslie Newbigin als Bischof von Madras unterwegs (1970)

Lesslie Newbigin (1909-1998) hatte im Januar 1986 auf der Tagung der Synode der Kirche von Südindien (CSI) mehrere Bibelarbeiten gehalten, in denen er in anschaulicher und eingängiger Weise den Synodalen seine Sicht von „Mission in der Nachfolge Christi“ vorstellte. Seine Ausführungen sind immer noch lesenswert:

Ich erinnere mich besonders an einen Fall, wo ich in einer der Industrievorstädte von Madras eine Konfirmation zu halten hatte. Als ich mit den Konfirmanden plauderte, stellte ich fest, daß über die Hälfte von ihnen erst in den letzten Wochen getauft worden war. Der Pastor erzählte mir dann, daß in dieser Gegend mit viel Schwerindustrie in den letzten achtzehn Monaten vierzig Erwachsenentaufen stattgefunden hatten. Ich fragte ihn, ob er diese Leute wohl bitten könnte, mir etwas darüber aufzuschreiben, wie jeder von ihnen den Weg zu Chri­stus gefunden hat. Nicht lange danach konnte ich alle ihre Geschichten lesen. Dabei fiel mir auf, daß nicht nur jede einzelne Geschichte sich von den anderen unterschied, sondern daß [20] auch innerhalb jeder einzelnen Geschichte ganz unterschiedliche Erfahrungen durch lange Jahre hindurch erkennbar wurden. Ein Gespräch mit einem Kumpel am Arbeitsplatz, ein Krankenbesuch eines christlichen Freundes, Lektüre eines Traktates oder eines Abschnittes des Evangeliums, stumme Gesten der Freundlichkeit in einer schwierigen Zeit, eine Predigt, ein erhörtes Gebet, oder – sehr oft – ein Traum oder eine Vision. Das alles war nicht in ein Schema zu bringen. Die Strategie (falls das der richtige Ausdruck dafür ist) lag nicht in der Hand von Menschen.

Aber eins war ihnen allen gemeinsam: Sie kannten eine glaubende, betende, feiernde Ge­meinde, deren Mitglieder sich intensiv um das Alltagsleben in ihrer Nachbarschaft kümmer­ten. Diese vielen unterschiedlichen Ereignisse hatten dort ihr Zentrum. Dort wurden die Menschen, deren Leben auf so unterschiedliche Weise berührt worden war, zum Fragen gebracht, was denn die Quelle dieser Ausstrahlungskraft sei. Das war kein von Menschen ausgedachtes Missionsprogramm. Es war das Werk des Geistes, dessen Gegenwart im Leben der Gemeinde ausstrahlte auf die ganze Umgebung durch das glaubenerfüllte Reden und Tun ihrer Mitglieder.

Diese Erfahrungen stehen im Einklang mit dem, was ich in der Schrift lese, und lassen mich behaupten, daß Mission falsch verstanden ist, wenn man sie vorwiegend als eine Aufgabe ansieht, die wir zu erledigen hätten. Mission ist vor allem das Werk des Geistes, das Weiter­wirken von Pfingsten.

Das wird uns schon im Bericht der Apostelgeschichte bestätigt. Die erste christliche Predigt wurde nicht deshalb gehalten, weil die Apostel entschieden hätten, jetzt Mission zu treiben, sondern da war auf einmal eine neue Wirklichkeit so greifbar geworden, daß die Leute ange­laufen kamen und fragten, was da los sei. Tatsächlich sind die großen christlichen Predigten in der Apostelgeschichte Antworten auf Fragen, nicht jedoch von der Kirche ausgehende Mis­sionsaktivität. Da gibt es ein Ereignis; die Menschen fragen nach seiner Bedeutung; die Kir­che muß das erläutern, und diese Erläuterung sieht dann so aus, daß die Geschichte von Jesus erzählt wird. Es ist also nicht so, daß die Kirche eine Mission hätte und der Geist helfe ledig­lich bei ihrer Ausführung mit. Es ist vielmehr so, daß der Geist der aktive Missionar ist und die Kirche (wo sie treu ist) der Ort, wo der Geist dann das Werk des Geistes vollenden kann.

Oder ist das nicht etwa ein auffallender Sachverhalt, daß Paulus in allen seinen Briefen an die Kirchen ihnen niemals die Pflicht zum Evangelisieren dringlich macht? An vielen Punkten kann er seine Leser tadeln, erinnern, ermahnen an ihre Treue zu Christus. Aber nirgendwo steht, daß er sie mahnt, evangelistisch tätig zu werden. Für sich selbst weiß er, daß er vom Evangelium nicht schweigen kann. „Wehe mir, wenn ich nicht predige“, sagt er. Er steht unter einem inneren Zwang; [21] die Liebe Christi drängt ihn. Aber er legt diesen Drang nicht auf die Gewissen seiner Leser. Mit anderen Worten: Mission ist Evangelium und nicht Gesetz; es ist das Überfließen einer großen Gabe, nicht das Ableisten einer großen Last. Es ist die Erfül­lung einer Zusage: „Ihr werdet meine Zeugen sein, wenn der Heilige Geist auf Euch kommt“.

Ich denke, daß unsere Mission in einer sehr guten und sehr ausdrucksvollen Weise dargestellt werden kann in einer Erfahrung, die uns vertraut ist, die wir das Leben in Indien kennen. Wer einmal in Erfüllung seiner pastoralen Aufgabe in ein fernes Dorf gehen muß, wird sehr früh am Morgen losgehen, um nicht in der Hitze des Tages marschieren zu müssen. Manchmal geschieht es sogar, daß wir noch in völliger Finsternis aufbrechen; und vielleicht gehen wir dann in Richtung Westen, so daß wir auch am Horizont kein Licht sehen und alles um uns dunkel ist. Aber auf unserem Wege begegnen uns Menschen, die in der entgegengesetzten Richtung unterwegs sind. Auf ihren Gesichtern wird man wenigstens einen ganz schwachen Schein erkennen. Halten wir an und fragen sie, „woher kommt dieses Licht?“, werden sie uns schlicht zum Umdrehen auffordern (zur „Umkehr“) und nach Osten zu sehen. Ein neuer Tag bricht an, das Licht, das wir sahen, war nichts als der schwache Widerschein auf den Gesich­tern derer, die darauf zugingen. Sie besaßen das Licht nicht; das Licht war ihnen gegeben. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die in eine andere Richtung gehen als die Mehrheit. Hinter sich den Tod, vor sich das Leben, sieht man auf ihrem Angesicht den ersten Lichtschein des neuen Tages. Dieses Licht ist ihr Zeugnis.

Hier der vollständige Text als pdf.

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