Reinhard Kosellecks Begriffsgeschichte zum Geschichtsbegriff und der Verlust der Historia Magistra Vitae: „Die Geschichte selbst wurde, sprachlich gewendet, zu ihrem eigenen Subjekt.“

Reinhart Koselleck (1923-2006) Quelle: Carl Marxs/Wikipedia/CC BY-SA 4.0

Reinhard Koselleck hat in seiner instruktiven Begriffsgeschichte zum Geschichts­be­griff erzählt, wie das „geschichtliche“ Geschichtskonzept mit seinen Konnotationen von Fort­schritt und zeitlicher Entwicklung erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts ausgebildet wurde [Art.: Geschichte V. Die Herausbildung des modernen Geschichtsbegriffs; VI. ‚Geschichte’ als moderner Leitbegriff; VII. Ausblick, Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Bd. 2 (1975), S. 647-717]. Signifikant wird dies in der Einführung des Kollektiv­singu­lar „die Geschichte“ um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Kollektivsingular wurde durch Umschreibungen wie ‚Geschichte an und für sich’, ‚Geschichte an sich’, ‚Geschichte selbst’ oder ‚Geschichte über­haupt’ hypostatisch markiert. Dadurch konnte der Begriff der Geschichte ohne ein ihm zugeordnetes Subjekt beobachtet werden. „Die Geschichte selbst wurde, sprachlich gewendet, zu ihrem eige­nen Subjekt.“ Damit wird sie zum „Agens menschlichen Schick­sals oder ge­sellschaftlichen Fortschritts“ [Koselleck, Geschichte, 650], das auch den Zeitaspekt einer prinzipiell offenen Zukunft beinhaltet. Im letz­ten Drittel des 18. Jahrhundert wird außerdem der Bedeutungsgehalt von ‚Historie’ als Ge­schichtskunde vollständig vom Begriff der ‚Geschichte’ aufgenommen. Damit fusionierte der „objektive“ Ereignis- und Handlungsbereich mit der „subjekti­ven“ Kunde bzw. Erzählung. „Die drei Ebe­nen: Sachverhalt, Darstellung und Wissen­schaft davon wurden jetzt als ‚Ge­schichte’ auf einen einzigen gemeinsa­men Begriff gebracht. Es handelte sich, wenn der gesamte damalige Wortge­brauch berücksichtigt wird, um die Fusion des neuen Wirklichkeitsbegriffes von ‚Geschichte überhaupt’ mit den Refle­xionen, die diese Wirklichkeit überhaupt erst begreifen lehrte. ‚Geschichte’ war, überspitzt formu­liert, eine Art transzen­dentaler Kategorie, die auf die Bedingung der Möglichkeit von Geschichten zielte.“ [Koselleck, Geschichte, 657]

Bereits in seinem Aufsatz „Historia Magistrae Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte“, ursprünglich in den Löwith-Festschrift 1967 erschienen, hat Koselleck ausgeführt, wie das rhetorische Geschichtenkonzept in der Neuzeit sukzessive verabschiedet wurde:

Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte

Von Reinhard Koselleck

There is a history in all men’s lives,
Figuring the nature of the times deceased;
The which observed, a man may prophesy,
With a near aim, of the main chance of things
As yet not come to life, which in their seeds
And weak beginnings lie intreasured.
Shakespeare

Friedrich von Raumer, bekannt als Historiograph der Hohenstaufen, berichtet uns aus dem Jahre 1811, als er noch Sekretär Hardenbergs war, folgende Episode: Bei einer in Charlottenburg gehaltenen Beratung verteidigte Oelssen [Sektionschef im Finanzministerium] lebhaft die Ausfertigung vielen Papiergeldes, um damit Schulden zu bezahlen. Als alle Gegengründe nicht anschlugen, sagte ich (meinen Mann kennend) mit übergroßer Kühnheit: ›Aber Herr Geheimer Staatsrat, erinnern Sie sich doch, daß schon Thukydides erzählt, wie große Übel entstanden, weil man in Athen zuviel Papiergeld gemacht hatte. – ›Diese Erfahrung‹, erwiderte er beistimmend, ›ist allerdings von großer Wichtigkeit‹, – und so ließ er sich bekehren, um den Schein der Gelehrsamkeit festzuhalten.[1]

Raumer bemühte in den hitzigen Debatten um die preußische Schuldentilgung eine Lüge, denn er wußte, daß die Antike niemals Papiergeld gekannt hatte. Aber er riskierte seine Lüge, weil er rhetorisch an die Schulbildung seines Opponenten appellierend deren Wirkung einkalkulierte. Ihre Wirkung beruhte auf nichts anderem als auf der Geltungskraft des alten Topos, daß die Historie die Lehrmeisterin des Lebens sei. Dieser Formel, keinem Sachargument, fügte sich der Geheime Staatsrat. Historia magistra vitae.

Was wir selber nicht erfahren können, darin müssen wir der Erfahrung anderer folgen, heißt es 1735 in Zedlers großem Uni-[39]versallexikon,[2] die Historie sei eine Art Sammelbecken multiplizierter Fremderfahrungen, die wir uns erlernend aneignen können; – oder, um mit einem Alten zu reden, die Historie setzt uns frei, Erfolge der Vergangenheit zu wiederholen, statt gegenwärtig in frühere Fehler zu verfallend.[3] So galt die Historie, für rund zwei Jahrtausende, als eine Schule, ohne Schaden klug zu werden.

Was lehrt nun, um den Topos auf unser Beispiel anzuwenden, die Charlottenburger Episode? Kraft seiner Kunst zu argumentieren verwies Raumer seinen Kollegen in einen vermeintlich kontinuierlichen Erfahrungsraum, über den er sich selbst bereits ironisch hin wegsetzte. Die Szene zeugt von der fortwährenden Rolle der Historie als einer Lehrmeisterin des Lebens, aber ebenso davon, wie fragwürdig diese Rolle geworden war.

Bevor der Frage nachgegangen werden soll, inwieweit sich der alte Topos in der neuzeitlich bewegten Geschichte aufgelöst hat, bedarf es eines Rückblickes auf seine Dauerhaftigkeit. Sie währte fast ungebrochen bis in das achtzehnte Jahrhundert. – Es fehlt bisher eine Darstellung all der Umschreibungen, die dem Ausdruck der Historie seine jeweilige Begrifflichkeit verliehen haben. So fehlt eine Geschichte der Formel ›historia magistra vitae‹, sosehr das damit Gemeinte zumindest das Selbstverständnis der Historiker, wenn auch nicht ihr Schaffen, durch die Jahrhunderte geleitet hat. – Trotz verbaler Identität schwankte der Stellenwert unserer Formel im Zuge der Zeit erheblich. Nicht selten desavouierte gerade die Historiographie den Topos zur Blindformel, die nur in den Vorworten weitergereicht wurde. So ist es noch schwerer, den Unterschied zu klären, der immer zwischen der bloßen Verwendung des Gemeinplatzes und seiner praktischen Wirksamkeit geherrscht hat. Aber unerachtet dieser Probleme bleibt die Langlebigkeit unseres Topos an sich schon aufschlußreich genug. Sie beruhte zunächst auf seiner Elastizität, die die unterschiedlichsten Schlüsse zuläßt. Es sei darauf verwiesen, wie zwei Zeitgenossen die Historien als Exempla handhabten: Montaigne zielte ungefähr auf das Gegenteil dessen, was Bodin mit ihnen beabsichtigte. Dem [40] einen zeigten die Historien, wie sie jede Verallgemeinerung durch schlagen, dem anderen dienten sie, generelle Regeln zu finden.[4] Beiden aber boten die Historien Exempla für das Leben. Die Wendung ist also formal; wie später ein geflügeltes Wort lautet: Aus der Geschichte kann man alles beweisen.[5]

Welche Lehre auch immer unsere Formel nahelegt, eines indiziert ihr Gebrauch in jedem Fall. Er verweist auf ein durchgängiges Vorverständnis menschlicher Möglichkeiten in einem durchgängigen Geschichtskontinuum. Die Historie kann die Mit- oder Nach lebenden klüger oder relativ besser zu werden anleiten, das aber nur, wenn und solange die Voraussetzungen dazu sich grundsätzlich gleich sind. Bis zum 18. Jahrhundert bleibt die Verwendung unseres Ausdrucks ein untrügliches Indiz für die hingenommene Stetigkeit der menschlichen Natur, deren Geschichten sich zu wiederholbaren Beweismitteln moralischer, theologischer, juristischer oder politischer Lehren eignen. Aber ebenso beruhte die Tradierbarkeit unseres Topos auf einer tatsächlichen Konstanz jener Vorgegebenheiten, die eine potentielle Ähnlichkeit irdischer Ereignisse zuließen. Und wenn ein sozialer Wandel stattfand, dann so langsam und so langfristig, daß die Nützlichkeit vergangener Bei spiele erhalten blieb. Die Temporalstruktur der vergangenen Geschichte begrenzte einen kontinuierlichen Raum möglicher Erfahrbarkeit.

I.

Die Wendung der historia magistra vitae wurde – in Anlehnung an hellenistische Vorbilder[6] – von Cicero geprägt. Sie steht im Zusammenhang der Redekunst, nur der Orator sei fähig, der das Leben belehrenden Historie Unsterblichkeit zu verleihen, ihren Erfahrungsschatz zu perennieren. Außerdem ist die Wendung ver-[41]bunden mit weiteren Metaphern, die die Aufgaben der Historie umschreiben. Historia vero testis temporum, lux veritatis, vita memoriae, magistra vitae, nuntia vetustatis, qua voce alia nisi oratoris immortalitati commendatur?[7] Die leitende Aufgabe, die Cicero hier der Geschichtskunde setzt, ist vornehmlich auf die Praxis gerichtet, in die der Redner hineinwirkt. Er bedient sich der Historia als Beispielsammlung – plena exemplorum est historia[8] –, um durch sie zu belehren, und das gewiß in einer handfesteren Weise als Thukydides je den Nutzen seines Werkes betonte, als er seine Geschichte zur Erkenntnis ähnlich gearteter Fälle der Zukunft als ktēma es aeí, als Besitz für immer überantwortete.

Ciceros Wirkung reichte auch in die christliche Geschichtserfahrung hinein. Das Corpus seiner philosophischen Werke wurde in den Klosterbüchereien nicht selten selber als Exempelsammlung katalogisiert und in breiter Streuung überliefert.[9] Die Möglichkeit, auf die Wendung wörtlich zurückzugreifen, war also jederzeit ge geben, wenn auch die Autorität der Bibel bei den Kirchenvätern anfangs ein gewisses Widerstreben gegen die heidnische historia magistra hervorrief. Isidor von Sevilla hat in seinem weit verbreiteten etymologischen Kompendium zwar Ciceros Schrift De oratore häufig ausgewertet, aber speziell den Ausdruck ›historia magistra vitae‹ bei seinen Definitionen der Geschichte unterschlagen. Er bereitete den Apologeten des Christentums nicht geringe Verlegenheit, ausgerechnet profangeschichtliche Ereignisse, gar der Heiden, als musterhaft zu überliefern.[10] Eine derartige Historie, voll schlimmer Beispiele, als Lehrerin des Lebens anzusprechen, ging über die Anverwandlungskraft der kirchlichen Historiographie. Gleichwohl konzedierte schon Isidor – etwas verstohlen – auch den heidnischen Historien eine erzieherische Wirkung.[11] Und [42] so hat Beda bewußt Profangeschichte gerechtfertigt, weil auch sie abschreckende oder nachahmenswerte Beispiele liefere.[12] Beide Kleriker haben durch ihren großen Einfluß dazu beigetragen, daß neben der vorzüglich religiös begründeten Historie auch das Motiv profangeschichtlicher Nutzanweisung seinen ständigen, wenn auch untergeordneten Ort beibehalten hat.

Noch Melanchthon gebraucht diese Doppelung, daß sowohl die biblischen wie die heidnischen Historien Exempla liefern für den irdischen Wandel, wie beide zugleich, wenn auch unterschiedlich, auf Gottes Fügungen verweisen.[13] Die aus der Antike herrührende Auffassung dessen, was Geschichtsschreibung leisten solle, blieb insofern vereinbar mit der christlichen Geschichtserfahrung, die im Horizont der Heilserwartung stand. Auch das lineare Schema der biblischen Präfigurationen und ihrer Erfüllungen – bis hin zu Bossuet – sprengte nicht den Rahmen, innerhalb dessen man sich aus der Vergangenheit für die Zukunft belehren lasse.

Mit der Verflüchtigung endzeitlicher Erwartungen drängte sich freilich die alte Geschichte als Lehrmeister wieder vor. Machiavellis Aufforderung, die Alten nicht nur zu bewundern, sondern auch nachzuahmen,[14] verlieh dem Vorsatz, der Historie ständig Nutzen abzugewinnen, deshalb seine Brisanz, weil er exemplarisches und empirisches Denken zu einer neuen Einheit verbunden hat. Bodin stellte seinem ›Methodus ad facilem historiarum cogni-[43]tionem‹ den Ciceronischen Topos an die Spitze: ihm gebühre der oberste Rang, weil er auf die heiligen Gesetze der Geschichte verweise, kraft derer die Menschen ihre Gegenwart erkennen und die Zukunft erhellen könnten, und dies nicht theologisch, sondern politisch praktisch gemeint.[15] Es wäre ermüdend, die stetige Wiederholung[16] oder barocke Ausschmückung[17] dieses Ansatzes bis hin zu späten Aufklärern wie Mably[18] einzeln aufzuzählen. Von pathetischen Formeln wie futurorum magistra temporum[19] bis zu unbekümmerten Imitatio-Anweisungen findet sich unser Topos in den Historien und Historiken variiert.

So schreibt etwa Lengnich, ein Danziger Historiograph, die Geschichtskunde eröffne uns alles, was bei gleicher Gelegenheit wie der könne gebrauchet werden.[20] Oder, um einen weiteren weniger bekannten Mann zu nennen, den Generalleutnant Freiherrn von Hardenberg: Er wies den Hauslehrer seines berühmten Sohnes an, sich nicht auf trockene Fakten zu verlegen. Denn überhaupt sehen sich alle vergangenen und jetzigen Handlungen einander gleich; und ihre Wissenschaft ist mehrenteils entbehrlich, alsdann aber von großem Nutzen, wenn man diese Gerippe mit dem gehörigen [44] Fleische bekleidet, und einem jungen Menschen gezeigt wird, was zu den Hauptveränderungen Anlaß gegeben und durch was für Ratschläge oder Mittel dieser oder jener Endzweck erreicht worden, oder auf was für Art oder warum er fehlgeschlagen habe; auf solche Weise predigt man dem Verstand mehr als dem Gedächtnis; die Geschichte wird dem Lehrling angenehm und interessant, und man unterrichtet ihn unvermerkt sowohl in der Privat- als der Staatsklugheit und bringt ihm auf die Art die artes belli ac pacis bei.[21] Dies letzte, abgelegene Zeugnis eines um die rechte Erziehung seines Sohnes besorgten Vaters ist deshalb so bedeutsam, weil in ihm die pädagogischen Erwartungen einer aufgeklärten Zeit noch einmal mit der herkömmlichen Aufgabe der Historie zusammenfallen.

Unbeschadet der historiographischen Selbstanzeigen darf nun die praktische Lehrhaftigkeit der historisch-politischen Literatur in der frühen Neuzeit nicht unterschätzt werden.[22] Rechtshändel hingen ohnehin von historischen Deduktionen ab; die relative Ewigkeit, die dem Recht damals noch zukam, korrespondierte mit einer Historie, die sich einer immer gleichbleibenden Natur und ihrer Wiederholbarkeit eingebunden wußte. Das sich steigernde Raffinement der damaligen Politik spiegelte sich in der eigenen Reflexion der Memoirenliteratur und in den gehandelten Gesandtschaftsberichten wider. Dabei blieb sie aber an die Kameralien und Statistiken, die Historie des Raumes, verhaftet. Es ist mehr als nur ein tradierter Topos, den Friedrich der Große in seinen Denkwürdigkeiten immer wieder anführt: Die Historie sei die Schule der Herrscher, angefangen von Thukydides bis hin zu Commynes, dem Kardinal Retz oder Colbert. Durch ständiges Vergleichen früherer Fälle habe er seine Kombinationskraft geschärft. [45] Schließlich beruft er sich, seine unmoralische Politik‹ erklärend, nicht entschuldigend, auf die zahllosen Beispiele, kraft derer die Regeln der Staatsräson ihn zu seinem politischen Handeln angeleitet hätten.[23]

Freilich sind Selbstironie und Resignation gemischt, wenn der alte Friedrich behauptet, die Szenen der Weltgeschichte wiederholten sich, man brauche nur die Namen auszutauschen.[24] Es mag in diesem Diktum sogar eine Säkularisation des figuralen Denkens gesehen werden, –sicher blieb die These von der Wiederholbarkeit und damit der Lehrbarkeit geschichtlicher Erfahrung ein Moment der Erfahrung selbst. Friedrichs Prognose der Französischen Revolution zeugt davon.[25] Im überschaubaren Raum der europäischen Fürstenrepublik mit den ihr einwohnenden Staatskörpern und ständischen Ordnungen war die magistrale Rolle der Historie Bürge und Symptom zugleich für die Kontinuität, die Vergangenheit und Zukunft zusammenschloß.

Natürlich gab es Einwände gegen die Maxime, daß man aus der Historie lernen könne. Sei es daß Guicciardini – mit Aristoteles – die Zukunft immer für ungewiß hielt und damit der Historie ihren prognostischen Gehalt absprach.[26] Sei es Gracian, der aus dem Kreislaufdenken heraus die Vorhersehbarkeit zwar bejaht, sie aber durch die Unentrinnbarkeit, die diesem Begriff inhärent ist, entleert und letztlich überflüssig macht.[27] Sei es der alte Friedrich selbst, der seine Memoiren zum Siebenjährigen Krieg damit be-[46]schloß, allen Exempeln ihre Lehrhaftigkeit zu bestreiten: Denn es ist eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, daß Beispiele keinen bessern. Die Torheiten der Väter sind für ihre Kinder verloren; jede Generation muß ihre eigenen machen.[28]

Allerdings hat die skeptische Grundhaltung, aus der sich solche Einsichten speisten, den unserer Lehrformel eigentümlichen Wahrheitsgehalt schon deshalb nicht zerstört, weil sie im selben Erfahrungsraum verwurzelt war. Denn auch daß man aus Historien nichts lernen könne, blieb schließlich eine Erfahrungsgewißheit, eine geschichtliche Lehre, die den Wissenden einsichtiger, klüger oder – mit Burckhardt zu reden[29] – weiser machen konnte. Das jeweils mögliche Andere schafft nämlich das immer Gleiche so wenig aus der Welt, daß dieses Andere gerade von daher nicht als ein Anderes begriffen werden kann. Was verschwindet, ist das Bestimmte oder der Unterschied, der, auf welche Weise und woher es sei, als fester und unwandelbarer sich aufstellt.[30] Die skeptische Unterströmung, die sich unter der Voraussetzung des immer Gleichen auch in der Aufklärung noch artikulieren konnte, vermochte den Sinn unseres Topos nicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Dennoch wurde zur gleichen Zeit der Bedeutungsgehalt unserer Wendung ausgehöhlt. Wenn die alte Historie von ihrem Lehrstuhl gestoßen wurde, und zwar nicht zuletzt von den Aufklärern, die sich so gern ihrer Lehren bedienten, so geschah das im Zuge einer Bewegung, die Vergangenheit und Zukunft neu aufeinander zuordnete. Es war schließlich ›die Geschichte selbst‹, die einen neuen Erfahrungsraum zu öffnen begann. Die neue Geschichte gewann eine ihr eigentümliche zeitliche Qualität, deren verschiedene Tempi und wechselnde Erfahrungsfristen einer exemplarischen Vergangenheit die Evidenz nahmen.

Diese Vorgänge sollen jetzt, an symptomatischen Stellen, im Wandel unseres Topos untersucht werden. [47]

II.

Um das Ereignis einer anbrechenden neuen Zeit zu charakterisieren, sei ein Satz von Tocqueville vorausgeschickt. Tocqueville, der in seinem ganzen Werk von der Erfahrung in Atem gehalten wird, wie die Moderne aus der Kontinuität einer früheren Zeitweise herausbricht, sagte: Seit die Vergangenheit aufgehört hat, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, irrt der menschliche Geist in der Finsternis.[31] Tocquevilles Diktum verweist auf eine Verwerfung herkömmlicher Erfahrung, und dahinter verbirgt sich ein viel schichtiger Prozeß, der teils unsichtbar und schleichend, manchmal plötzlich und abrupt vonstatten ging und der schließlich bewußt vorangetrieben wurde.

Die Begriffsgeschichte, wie sie hier versucht wird, dient uns als Einstieg, um diese Vorgänge festzuhalten. Dabei wird deutlich, wie bei aller Weitergabe unseres Gemeinplatzes er infolge sich verschiebender Sinnbezüge gebrochen und verfremdet wird. Erst seitdem gewinnt der Topos seine eigene Geschichte: Sie ist zugleich jene Geschichte, die ihn um die ihm eigentümliche Wahrheit bringt.

Erstens vollzog sich im deutschen Sprachraum, um damit zu beginnen, eine Wortverschiebung, die den alten Topos sinnentleerte, zumindest seiner Sinnentleerung Vorschub leistete. Das eingebürgerte Fremdwort der Historie, das vornehmlich den Bericht, die Erzählung von Geschehenem meinte, speziell die historischen Wissenschaften, wurde im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts zusehends von dem Wort ›Geschichte‹ verdrängt. Die Abwendung von der Historie und Hinwendung zur Geschichte vollzog sich seit etwa 1750 mit einer statistisch meßbaren Vehemenz.[32] Geschichte [48] aber bedeutet primär die Begebenheit bzw. eine Folge getätigter oder erlittener Handlungen, der Ausdruck verwies eher auf das Geschehen selbst als auf dessen Bericht. Zwar meinte – seit langem schon – die Geschichte auch den Bericht mit, wie umgekehrt Historie auch das Ereignis selber anzeigte.[33] Das eine färbte das andere ein. Aber durch diese gegenseitige Verschränkung, die Niebuhr vergeblich rückgängig machen wollte, bildete sich im Deutschen ein eigentümlicher Schwerpunkt heraus. Die Geschichte lud sich auf, indem sie die Historie aus dem allgemeinen Sprachgebrauch zurückdrängte. Je mehr Geschichte als Ereignis und als Darstellung konvergierten, bereitete sich sprachlich die transzendentale Wende vor, die zur Geschichtsphilosophie des Idealismus führte. ›Geschichte‹ als Handlungszusammenhang ging in dessen Erkenntnis auf. Die Droysensche Formel, daß Geschichte nur das Wissen ihrer sei, ist das Ergebnis dieser Entwicklung.[34] Diese Konvergenz eines doppelten Sinnes veränderte selbstverständlich auch die Bedeutung einer Historie als vitae magistra.

Die Geschichte als einmalige Begebenheit oder als universaler Ereigniszusammenhang konnten offensichtlich nicht in gleicher Weise belehren wie eine Historie als exemplarischer Bericht. Die gelehrten Grenzbestimmungen zwischen Rhetorik, Historie und Moral wurden unterlaufen, und der deutsche Wortgebrauch von Geschichte gewann auf diese Weise der alten Formel neue Erfahrungsweisen ab. So bestand für Luden die Kunst darin, wenn überhaupt, die Beweislast für historische Lehren den Ereignissen selbst zuzuspielen. Es kam ihm, wie er 1811 schrieb, darauf an, daß es eigentlich die Geschichte selbst sei, die da redet … Jedem bleibt überlassen, ihre Lehren zu benutzen oder zu vernachlässi gen.[35] Die Geschichte gewann eine neue Dimension, die sich der [49] Berichtbarkeit der Berichte entzog und in allen Aussagen über sie nicht einzufangen war. Wenn die Geschichte nur sich selbst auszusagen vermochte, so bot sich bald der weitere Schritt an, der die Formel vollends verflachte und aus ihr eine tautologische Hülse machte. Aus Geschichte lernt man eben nur Geschichte, wie es Radowitz – Hegels Wendung gegen ihn selbst kehrend – sarkastisch formuliertet.[36] Dieser verbale Schluß war freilich nicht die einzige Folgerung, die sich – nicht zufällig — von der Sprache her auf drängte. Ein politischer Gegner unseres Zeugen verlieh, die Doppeldeutigkeit des deutschen Wortes nutzend, der alten Formel einen neuen, unmittelbaren Sinn: Die wahre Lehrerin ist die Geschichte selbst, nicht die geschriebene.[37] Die Geschichte belehrt also nur, indem man auf die Historie verzichtet. Alle drei Varianten steckten einen neuen Erfahrungsraum ab, in dem die alte Historie auf ihren Anspruch, magistra vitae zu sein, verzichten mußte. Sie verlor ihn, sich selbst überlebend, an die ›Geschichte‹. [50]

Das führt uns zu einem zweiten Gesichtspunkt. Wir haben unversehens von der Geschichte gesprochen, von der ›Geschichte selbst‹ in einem bedeutungsschweren Singular ohne zugeordnetes Subjekt oder Objekt. Diese einzigartige, uns heute ganz geläufige Wendung stammt nun ebenfalls aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Im Maß, wie der Ausdruck der Geschichte den der Historie verdrängte, nahm auch die ›Geschichte‹ einen anderen Charakter an. Um die neue Bedeutung zu apostrophieren, sprach man zunächst gern von der Geschichte an und für sich, von der Geschichte schlechthin, von der Geschichte selbst, – eben von der Geschichte. Über den Geschichten ist die Geschichte resümierte Droysen später diesen Vorgang.[38]

Diese sprachliche Konzentration auf einen Begriff seit rund 1770 kann nun gar nicht unterschätzt werden. In der Folgezeit, seit den Ereignissen der Französischen Revolution, wird die Geschichte selbst zu einem Subjekt, das mit den göttlichen Epitheta der All macht, der Allgerechtigkeit oder der Heiligkeit versehen wurde. Die Arbeit der Geschichte, um Hegels Worte zu gebrauchen, wird zu einem Agens, das die Menschen durchherrscht und ihre natürliche Identität zerbricht. Auch hier hatte die deutsche Sprache vor gearbeitet. Die Bedeutungsfülle und damalige Neuheit des Wortes Geschichte beruhte nämlich darauf, daß es sich um einen Kollektivsingular handelt. Bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts regierte der Ausdruck ›die Geschichte‹ gemeinhin den Plural. Um ein typisches Beispiel aus dem Jahre 1748 zu nennen: Die Geschichte sind heißt es in Jablonskis Allgemeinem Lexikon der Künste und Wissenschaften,[39] die Geschichte sind ein Spiegel der Tugend und Laster, darinnen man durch fremde Erfahrung lernen kann, was zu tun oder zu lassen sei; sie sind ein Denkmal der bösen sowohl als der löblichen Taten. Hier hören wir die herkömmliche Definition, und das ist das Charakteristische: sie ist an die Mehrzahl additiver Einzelgeschichten gebunden, so wie auch Bodin seinen methodus zur besseren Erkenntnis der historiarum, der Geschichten im Plural geschrieben hatte.

Im deutschen Sprachgebiet also waren zunächst die Geschichte(n) – von den Singularformen ›das Geschichte‹ und ›die Geschieht‹[40] – [51] beides Pluralbildungen, die auf eine entsprechende Menge einzelner Exempla verweisen mochten. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich unmerklich und unbewußt, schließlich durch Nachhilfe zahlreicher theoretischer Reflexionen, die Pluralform von ›die Geschichte‹ zu einem Kollektivsingular verdichtet hat. 1775 wird er erstmals lexikalisch vermerkt, von Adelung, der kommenden Entwicklung vorgreifend.[41] Bereits drei Jahre später moniert ein Rezensent in der Allgemeinen deutschen Bibliothek,[42] wie weit die neue ›Geschichte‹ als Schlagwort um sich gegriffen habe, bar jeder narrativen und exemplarischen Bedeutung: Das Modewort Geschichte, ist ein förmlicher Mißbrauch der Sprache, weil in dem Werke (von Flögel) höchstens nur in den Beispielen Erzählungen vorkommen.

Diese gleichsam herausgehobene Geschichte, die alle wiederholbare Exemplarität hinter sich ließ, war nun nicht zuletzt das Ergebnis einer verschobenen Grenzbestimmung zwischen Historik und Poetik. Die epische Einheit, die von Anfang und Ende her bestimmt ist, wurde zunehmend auch der Geschichtserzählung zugemutet.[43] [52] Nur im Durchgang des Bewußtseins konnten sich vergangene Fakten zur historischen Wirklichkeit übersetzen. Das ergab sich aus dem Streit um den Pyrrhonismus.[44] Wie Chladenius sagte: Geschichte sei allein in verjüngten Bildern wiederzugeben.[45] Im Maß, als der Historie eine größere Darstellungskunst abgefordert wurde, wie sie – statt chronologischer Reihen – die geheimen Motive eruieren, ein pragmatisches Gefüge erstellen sollte, um dem zufälligen Geschehen eine innere Ordnung abzugewinnen, im gleichen Maße wirkten Forderungen der Poetik in die Historie hinein. Die Historie geriet unter den Anspruch auf einen intensiveren Realitätsgehalt, längst bevor sie diesem Anspruch genügen konnte. Sie blieb noch weiterhin Exempelsammlung der Moral, aber indem diese ihre Rolle bereits entwertet wurde, verschob sich der Stellenwert der res factae gegenüber den res fictae. Er ist ein deutlicher Gradmesser für die Ausbreitung eines neuen geschichtlichen Wirklichkeitsbewußtseins, daß sich umgekehrt auch Erzählungen und Romane als ›histoire véritable‹, als ›wahrhaftige Geschichte‹ aus geben mußten.[46] Damit nahmen sie an einem erhöhten Wahrheitsanspruch der wirklichen Geschichte teil, an einem Wahrheitsgehalt, der der Historie seit Aristoteles – bis zu Lessing – immer wieder vorenthalten worden war.[47] So verschränkten sich die An-[53]sprüche von Historik und Poetik, das eine wirkte in das andere hinein, um den immanenten Sinn der ›Geschichte‹ ans Licht zu bringen.

Leibniz, der Geschichtsschreibung und Poesie noch als moralische Lehrkünste verstand, konnte die Geschichte des Menschengeschlechts bereits als einen Roman Gottes deuten, dessen Ausgang in der Schöpfung enthalten war.[48] Kant griff diesen Gedanken auf, als er den ›Roman‹ metaphorisch nahm, um die natürliche Einheit der allgemeinen Geschichte hervortreten zu lassen. Zu einer Zeit, da sich die Universalhistorie, die eine Summe von Singulargeschichten enthielt, in die › Weltgeschichte« verwandelte, suchte Kant nach dem Leitfaden, der das planlose ›Aggregat‹ menschlicher Handlungen in ein vernünftiges ›System‹ überführen könnte.[49] Es ist klar, daß erst der Kollektivsingular der Geschichte solche Gedanken aussagbar machte, unbeschadet, ob es sich um die Weltgeschichte oder um eine Geschichte im einzelnen handelte. So kündigte etwa Niebuhr seine Vorlesungen zur Geschichte des Zeitalters der Französischen Revolution unter diesem Namen an, weil nur die Revolution dem Ganzen die epische Einheit gegeben habe.[50] Erst die Geschichte als System begriffen, ermöglicht eine epische Einheit, die den inneren Zusammenhang freilegt und stiftet. Humboldt löste schließlich den jahrhundertealten Disput zwischen der Historik und der Poetik auf, indem er die Eigentümlichkeit der ›Geschichte überhaupt aus ihrer formalen Struktur ableitete. Er führte – im Gefolge Herders – die Kategorien der Kraft und der Richtung ein, die sich immer ihren Vorgegebenheiten entziehen. Damit leugnete er jede naiv hinzunehmende, inhaltliche Vorbildlichkeit vergangener Beispiele und zog für die Geschichts-[54]schreibung jeder Thematik den allgemeinen Schluß: Der Geschichtsschreiber, der dieses Namens würdig ist, muß jede Begebenheit als Teil eines Ganzen oder, was dasselbe ist, an jeder die Form der Geschichte überhaupt darstellen.[51] Damit hatte er einen Maßstab epischer Darstellung umgedeutet und übertragen in eine Kategorie des Geschichtlichen.

Der Kollektivsingular ermöglichte noch einen weiteren Schritt. Er ließ es zu, der Geschichte jene den menschlichen Ereignissen und Leiden innewohnende Macht zuzuschreiben, die alles nach einem geheimen oder offenbaren Plan zusammenfügt und vorantreibt, eine Macht, der gegenüber man sich verantwortlich wissen konnte oder in deren Namen man handeln zu können glaubte. Dieses sprachgeschichtliche Ereignis stand in einem epochalen Zusammen hang. Es war die große Zeit der Singularisierungen, der Vereinfachungen, die sich sozial und politisch gegen die ständische Gesellschaft richteten: aus den Freiheiten wurde die Freiheit, aus den Gerechtigkeiten die eine Gerechtigkeit, aus dem Fortschreiten (les progrès im Plural) der Fortschritt, aus der Vielzahl der Revolutionen ›La Révolution‹ Und im Hinblick auf Frankreich darf man hinzufügen, daß die zentrale Stellung, die im westlichen Denken die große Revolution in ihrer Einmaligkeit einnimmt, im deutschen Sprachbereich der Geschichte zukommt.

Es war die Französische Revolution, die den Geschichtsbegriff der deutschen historischen Schule zur Evidenz brachte. Beide zerrieben die vergangenen Vorbilder, obwohl sie sie scheinbar rezipierten. Johannes von Müller, in Göttingen noch der pragmatischen Lehrhaftigkeit seiner Lehrer folgend, schreibt 1796: Man findet in der Geschichte nicht sowohl, was in einzelnen Fällen zu tun sei (die Umstände ändern alles unendlich) als das Generalresultat der Zeiten und Nationen. Alles in der Welt habe seine Zeit und seinen Ort, und man solle trefflich die vom Schicksal überwiesenen Auf gaben erfüllen.[52] [55]

Die Bedeutungsverschiebung, die einen universalen Wirkungszusammenhang in seiner jeweiligen Einmaligkeit unter den einen Begriff der Geschichte zu subsumieren vermochte, wird noch reflektiert vom jungen Ranke. Er schrieb 1824 »Geschichten der romanischen und germanischen Völker« und fügte ausdrücklich hinzu, daß er nur Geschichten, nicht die Geschichte behandle. Aber die Geschichte in ihrer jeweiligen Einmaligkeit blieb ihm unbestritten. Wird das Geschehen zur Auseinandersetzung und Abfolge einzigartiger und genuiner Kräfte, so entfällt die unmittelbare Applikabilität historischer Vorbilder auf die eigene Situation. Wie Ranke damals fortfuhr: Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen.[53] Ranke beschied sich zunehmend ins Präteritum, und nur als er vorübergehend aus seiner Bescheidung heraustrat, als Redakteur der Historisch-politischen Zeitschrift, beschwor er den alten Topos der Historia Magistra Vitae.[54] Doch sein sichtlicher Mißerfolg schien den Rückgriff auf den alten Topos geschichtlich zu desavouieren.

Es lag nun nicht an der historischen Weltsicht als solcher, daß sie – bei aller Tradierung unserer Wendung vor allem in den naturrechtlich begründeten Historiographien[55] – auf die unmittelbare [56] Nutzanwendung ihrer Lehre verzichtete. Vielmehr verbarg sich hinter der Relativierung aller Ereignisse, die die Historia Magistra verzehrt hat, eine allgemeine Erfahrung, die auch das Gegenlager der Fortschrittler teilte.

Das führt uns zu einem dritten Gesichtspunkt. Es ist nicht von ungefähr, daß in dem gleichen Dezennium, als sich der Kollektivsingular der Geschichte durchzusetzen begann, zwischen 1760 und 1780, auch der Begriff einer Philosophie der Geschichte auftauchte.[56] Es ist die Zeit, da die konjekturalen, die hypothetischen oder mutmaßlichen Geschichten aus dem Boden schossen. Iselin 1764, Herder 1774, Köster 1775 – die ›Philosophie der Geschichte» für die historischen Gelehrten aufbereitend[57] – hinkten wortgeschichtlich den westlichen Autoren etwas nach. Sachlich übernahmen oder verwandelten sie deren Fragestellungen. Allen gemeinsam aber war, daß sie die Modellhaftigkeit vergangener Ereignisse zertrümmerten, um an deren Stelle die Einmaligkeit geschichtlicher Abläufe und die Möglichkeit ihres Fortschritts aufzuspüren. Es ist sprachgeschichtlich ein und dasselbe Ereignis, daß sich die Geschichte in dem uns geläufigen Sinne herausbildete und eben darauf bezogen eine Philosophie der Geschichte entstand. Wer sich des Ausdrucks einer Philosophie der Geschichte bediene, der müsse sich nur merken, schrieb Köster, daß dieses keine eigentliche und besondere Wissenschaft sei, wie man bei dem ersten Anblick dieses Ausdrucks leicht glauben möchte. Denn es ist wo fern ein ganzer Teil der Historie oder eine ganze historische Wissenschaft so ab gehandelt wird, weiter nichts, als Historie an sich selbst.[58] Die Geschichte und die Philosophie der Geschichte sind Komplementärbegriffe, die es unmöglich machen, eine Philosophierung der [57] Geschichte vorzunehmen; eine Einsicht, die im 19. Jahrhundert gründlich verloren gehen sollte.[59]

Die potentielle Gleichförmigkeit und Wiederholbarkeit naturgebundener Geschichten wurde der Vergangenheit überwiesen, die Geschichte selber wurde denaturalisiert zu einer Größe, über die man seitdem nicht mehr in gleicher Weise philosophieren kann wie bisher über die Natur. Natur und Geschichte konnten seitdem begrifflich auseinandertreten und der Beweis dessen liegt darin, daß genau in diesen Jahrzehnten die alte Sparte der historia naturalis aus dem Gefüge der historischen Wissenschaften ausgeschieden wird – so in der Enzyklopädie von Voltaire, so bei uns von Adelung.[60] [58]

Hinter dieser, von Vico vorbereiteten, scheinbar nur wissenschaftsgeschichtlichen Abtrennung meldet sich ganz entschieden die Entdeckung einer spezifisch geschichtlichen Zeit. Wenn man so will, handelt es sich um eine Verzeitlichung der Geschichte, die sich seitdem von der natural gebundenen Chronologie abhebt. Zwei naturale Zeitkategorien hatten bis in das achtzehnte Jahrhundert die Abfolge und die Berechnung historischer Ereignisse gewährleistet: der Umlauf der Gestirne und die natürliche Erbfolge der Herrscher und Dynastien. Kant aber, indem er jede Deutung der Geschichte aus astronomischen Fixdaten ablehnt und das Erbprinzip als widervernünftig verwirft, verzichtet damit auf die überkommene Chronologie als annalistischen, theologisch eingefärbten Leitfaden. Als ob sich nicht die Chronologie nach der Geschichte, sondern, umgekehrt, die Geschichte nach der Chronologie richten müsse.[61]

Die Freilegung einer nur von der Geschichte her bestimmten Zeit war das Werk der damaligen Geschichtsphilosophie, längst bevor der Historismus sich dieser Erkenntnis bediente. Das naturale Substrat entschwand und der Fortschritt war die erste Kategorie, in der sich eine transnaturale, geschichtsimmanente Zeitbestimmung niederschlug. Die Philosophie, soweit sie die Geschichte singular und als ein einheitliches Ganzes begreifend in den Fortschritt transponierte, entzog nun ebenso zwangsläufig unserem Topos den Sinn. Wird die Geschichte zu einer einzigen Veranstaltung der Erziehung des Menschengeschlechtes, dann verliert natürlicherweise jedes vergangene Beispiel an Kraft. Die je einzelne Belehrung geht in der pädagogischen Gesamtveranstaltung auf. Die List der Vernunft verbietet, daß der Mensch direkt aus der Geschichte lerne, sie zwingt ihn indirekt zu seinem Glück. Es ist die progressive Konsequenz, die uns von Lessing zu Hegel führt. Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dies, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus denselben zu ziehen gewesen wären, gehan-[59]delt haben.[62] Oder, worauf sich ein erfahrener Zeitgenosse Hegels, der Abt Rupert Kornmann, berief: Es ist das Schicksal der Staaten sowie einzelner Menschen, erst klug zu werden, wenn die Gelegenheit, es zu sein, verschwunden ist.[63]

Hinter beiden Aussagen steht nicht nur eine philosophische Reflexion auf die Eigentümlichkeit der geschichtlichen Zeit, sondern ebenso unmittelbar die vehemente Erfahrung der Französischen Revolution, die alle bisherigen Erfahrungen zu überholen schien. Wie sehr die neue geschichtliche Zeit auf ebendiesen Erfahrungen gründete, zeigte sich schnell, als die Revolution 1820 in Spanien wieder auflebte. Gleich nach Ausbruch der Unruhen inspirierte Goethe den Grafen Reinhard zu einer Betrachtung, die die zeitlichen Perspektiven in den Blick rückten. Wohl haben Sie recht, mein verehrter Freund, in dem, was Sie über Erfahrung sagen. Für Individuen kommt sie immer zu spät, für Regierungen und Völker ist sie niemals vorhanden. Dies kommt daher, weil die gemachte Erfahrung in einem Brennpunkt vereinigt sich darstelle und die zu machende sich über Minuten, Stunden, Tage, Jahre und Jahrhunderte verbreitet, und folglich das Ähnliche niemals ähnlich erscheint, weil man in dem einen Fall nur das Ganze und in dem anderen nur einzelne Teile sieht.[64] Vergangenheit und Zukunft kommen niemals zur Deckung, nicht nur, weil die abgelaufenen Ereignisse sich nicht wiederholen können. Selbst wenn sie es tun würden, wie gerade 1820 beim Wiederaufleben der Revolution, entzieht sich die auf uns zukommende Geschichte unserer Erfahrbarkeit. Eine abgeschlossene Erfahrung ist so vollständig wie vergangen, während die zukünftig zu machende sich in eine Unendlichkeit verschiedener temporaler Erstreckungen zerlegt.

Nicht die Vergangenheit ist es, sondern die Zukunft der geschichtlichen Zeit, die das Ähnliche einander unähnlich macht. Damit hatte Reinhard das Prozeßhafte der modernen Geschichte, deren Ende unabsehbar ist, in der ihr eigentümlichen Zeitlichkeit aufgewiesen.

Das führt uns auf eine andere Variante unseres Topos, die sich in dieselbe Richtung veränderte. Es gehörte häufig in den Zusam-[60]menhang der Historia Magistra, daß der Historiker nicht nur lehre, sondern ebenso urteile und mit dem Urteil auch zu richten habe. Die aufgeklärte Historie nahm sich dieser Arbeit mit besonderer Emphase an, sie wurde, in den Worten der Enzyklopädie, zum tribunal intègre et terrible.[65] Fast unter der Hand wurde aus der – seit der Antike – richtenden Historiographie eine Historie, die selbsttätig die Richtsprüche vollstreckt. Das Werk von Raynal, nicht zuletzt dank Diderots Nachhilfe, zeugt davon. Das Jüngste Gericht wird seitdem gleichsam verzeitlicht. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Schillers schnell kursierendes Wort aus dem Jahre 1784 war schon bar aller historiographischen Spuren, es zielte auf eine der Geschichte selbst innewohnende Gerechtigkeit, in die alles menschliche Tun und Lassen gebannt bleibt. Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.[66] Die in der Publizistik um sich greifenden Wendungen von der strafenden Zeit,[67] von dem Zeitgeist, dem man sich zu fügen habe, erinnerten stets an die Unentrinnbarkeit, mit der die Revolution bzw. die Geschichte den Menschen vor Zwangsalternativen stellte. Die geschichtsphilosophische Determination, die gleichbedeutend ist mit der zeitlichen Singularität der Geschichte, ist aber nur eine Seite, von wo aus der ›historia magistra vitae‹ ihre Ermöglichung genommen wurde. Von scheinbar entgegengesetzter Seite wurde ein nicht schwächerer Angriff vorgetragen.

Viertens nämlich duldete der konsequente Aufklärer keine Anlehnung an die Vergangenheit. Das erklärte Ziel der Enzyklopädie war, die Vergangenheit so schnell wie möglich aufzuarbeiten, daß eine neue Zukunft freigesetzt werde.[68] Früher kannte man exempla, sagte Diderot, heute nur Regeln. Das was geschieht, nach dem beurteilen, was geschehen ist, folgerte Sieyès,[69] heißt, wie mir scheint, das Bekannte nach dem Unbekannten beurteilen. Man [61] solle den Mut nicht verlieren, nichts in der Geschichte zu suchen, was für uns passen könne.[70] Und alsbald lieferten die Revolutionäre in einem Dictionnaire die Anweisung nach, keine Historie mehr zu schreiben, bis die Verfassung vollendet sei.[71] Danach sehe alles anders aus. Die Machbarkeit der Geschichte entthronte die alte Historie, denn in einem Staate wie dem unsrigen, auf Sieg gegründet, gibt es keine Vergangenheit. Er ist eine Schöpfung, in welcher, wie bei der Schöpfung des Weltalls, alles was vorhanden ist, nur als Urstoff in der Hand des Schöpfers und aus ihr voll endet in das Dasein übergeht, – so trumpfte ein Satrap Napoleons auf.[72] Damit erfüllte sich, was Kant vorausgesehen hatte, als er provokativ fragte: Wie ist Geschichte a priori möglich? Antwort: wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum voraus verkündigt.[73]

Die Übermacht der Geschichte, der paradoxerweise ihre Machbarkeit entspricht, bietet zwei Aspekte desselben Phänomens. Weil sich die Zukunft der modernen Geschichte ins Unbekannte öffnet, wird sie planbar, – und muß sie geplant werden. Und mit jedem neuen Plan wird eine neue Unerfahrbarkeit eingeführt. Die Eigenmacht der ›Geschichte‹ wächst mit ihrer Machbarkeit. Das eine gründet im anderen und umgekehrt. Beiden gemeinsam ist die Zersetzung des überkommenden Erfahrungsraumes, der bislang von der Vergangenheit her determiniert schien, jetzt aber durch schlagen wurde. [62]

Ein Nebenergebnis dieser geschichtlichen Revolution war die Tatsache, daß nunmehr auch die Geschichtsschreibung weniger fälsch bar als manipulierbar wurde. Als die Restauration einzog, verbot sie 1818 durch Dekret jeden Geschichtsunterricht über die Zeit zwischen 1789 und 1815.[74] Gerade indem sie die Revolution und ihre Errungenschaften verleugnete, schien sie sich stillschweigend der Einsicht zu fügen, daß die Wiederholung des Alten nicht mehr möglich sei. Aber vergeblich suchte sie die Amnestie durch eine Amnesie zu überbieten.

Hinter allem, was bisher angeführt wurde: hinter der Singularisierung der Geschichte, hinter ihrer Verzeitlichung, hinter ihrer unentrinnbaren Übermacht und hinter ihrer Produzierbarkeit kündigte sich ein Erfahrungswandel an, der unsere Neuzeit durchherrscht. Die Historie verlor darüber ihren Zweck, unmittelbar auf das Leben einzuwirken. Die Erfahrung vielmehr schien seit dem das Gegenteil zu lehren. Für diesen Sachverhalt nennen wir – zusammenfassend – einen schlichten Zeugen, den bescheidenen und gescheiten Perthes, der 1823 schrieb: Wenn jede Partei einmal der Reibe nach zu regieren und Institutionen anzuordnen hätte, so würden durch selbstgemachte Geschichte alle Parteien billiger und klüger werden. Von anderen gemachte Geschichte verschafft, so viel sie auch geschrieben und studiert wird, selten politische Billigkeit und Weisheit: das lehrt die Erfahrung.[75] Mit dieser Feststellung ist im Bereich der Aussagemöglichkeit unseres Topos seine vollständige Umkehrung vollzogen worden. Nicht mehr aus der Vergangenheit, nur aus der selbst zu schaffenden Zukunft läßt sich Rat erhoffen. Perthes’ Satz war modern: weil er die alte Historie verabschiedete, und Perthes half dem als Verleger nach. Daß aus der exemplarisch belehrenden Historie kein Nutzen mehr zu ziehen sei, in diesem Punkte waren sich die Historiker, kritisch die Vergangenheit rekonstruierend, und die Fortschrittler, selbstbewußt neue Vorbilder an die Spitze der Bewegung setzend, einig. [63]

Das führt uns zu unserem letzten Gesichtspunkt, der eine Frage enthält. Worin bestand die Gemeinsamkeit der neuen Erfahrung, die bisher durch die Verzeitlichung der Geschichte in ihrer jeweiligen Einmaligkeit bestimmt wurde? Als Niebuhr 1829 seine Vorlesungen über die vergangenen vierzig Jahre ankündigte, scheute er sie »Geschichte der Französischen Revolution» zu nennen, denn, wie er sagte, die Revolution selbst ist wieder ein Produkt der Zeit … es fehlt uns allerdings ein Wort für die Zeit im allgemeinen und bei diesem Mangel mögen wir sie das Zeitalter der Revolution nennen.[76] Hinter diesem Ungenügen steckt die Erkenntnis, die eine der Geschichte genuine Zeit überhaupt erst als etwas in sich Unterschiedenes und Unterscheidbares auftauchen ließ. Die Erfahrung aber, die genötigt ist, Zeit überhaupt in sich zu differenzieren, ist die Erfahrung der Beschleunigung und der Verzögerung.

Die Beschleunigung, zunächst eine apokalyptische Erwartung der sich verkürzenden Zeitabstände vor der Ankunft des Jüngsten Gerichts,[77] verwandelte sich – ebenfalls seit der Mitte des 18. Jahrhunderts – in einen geschichtlichen Hoffnungsbegriff.[78] Aber dieser subjektive Vorgriff in die herbeigesehnte und deshalb zu beschleunigende Zukunft erhielt durch die Technifizierung und durch die Französische Revolution einen unerwartet harten Wirklichkeitskern. 1797 entwarf Chateaubriand als Emigrant eine Parallele der alten und der neuen Revolutionen, um in überkommener Weise von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Aber bald mußte er feststellen, daß, was er am Tage geschrieben, [64] des Nachts schon von den Ereignissen überholt worden sei. Die Französische Revolution schien ihm, ohne Beispiel, in eine offene Zukunft zu führen. So edierte Chateaubriand, sich zu sich selbst in ein historisches Verhältnis setzend, dreißig Jahre später seinen überholten Essay – unverändert, aber mit Anmerkungen versehen, in denen er fortschrittliche Verfassungsprognosen stellte.[79]

Seit 1789 bildete sich ein neuer Erwartungsraum mit perspektivischen Fluchtpunkten heraus, die zugleich auf die verschiedenen Etappen der vergangenen Revolution zurückverwiesen. Kant hat dieses moderne System geschichtlicher Erfahrung als erster voraus gesehen, als er den Wiederholungen aller Revolutionsversuche ein zeitlich unbestimmtes, aber doch endliches Ziel setzte. Die Belehrung durch öftere Erfahrung gescheiterter Ansätze perfektioniere die Bahnen der Revolution.[80] Seitdem treten die geschichtlichen Lehren durch die Hintertür geschichtsphilosophisch legitimierter Aktionsprogramme wieder in das politische Leben ein. Als die ersten Lehrer zur revolutionären Applikation seien Mazzini, Marx oder Proudhon genannt. Je nach Partei oder Standort verändern die seit der Französischen Revolution evidenten Kategorien der Beschleunigung und der Verzögerung in wechselnden Rhythmen die Relationen von Vergangenheit und Zukunft. Hierin liegt die Gemeinsamkeit beschlossen, die den Fortschritt und den Historismus umgriff.

Auf dem Hintergrund der Beschleunigung wird auch verständlich, warum die Zeitgeschichtsschreibung, die »Gegenwartschronistik«, in das Hintertreffen geriet[81] und warum sich die Historie einer zunehmend wandelbaren Aktualität methodisch versagte.[82] In einer mit Vehemenz sich ändernden sozialen Welt verschieben sich die zeitlichen Dimensionen, in denen sich bisher Erfahrung entfaltet und gesammelt hat. Der Historismus reagierte darauf – wie die Geschichtsphilosophie des Fortschritts –, indem er sich zur [65] ›Geschichte‹ in ein indirektes Verhältnis versetzte. Sosehr sie sich als Vergangenheitswissenschaft begriff, vermochte die deutsche historische Schule, den Doppelsinn des Wortes ›Geschichte‹ voll aus schöpfend, die Geschichte zur Reflexionswissenschaft zu erheben. Der Einzelfall entbehrt darin seines politisch-didaktischen Charakters.[83] Aber die Geschichte als Ganzes versetzt den, der sie sich verstehend anverwandelt, in einen Zustand der Bildung, der mittelbar auf die Zukunft einwirken soll. Wie Savigny betonte, ist die Historie nicht mehr bloß Beispielsammlung, sondern der einzige Weg zur wahren Erkenntnis unsers eigenen Zustandes.[84] Oder wie Mommsen den Abgrund zwischen Vergangenheit und Zukunft zu überbrücken suchte: die Geschichte sei keine Lehrmeisterin mehr, die eine politische Rezeptierkunst liefere, sie sei lehrhaft einzig insofern, als sie zum selbständigen Nachschöpfen anleitet und begeistert.[85] Jedes vergangene Beispiel, auch wenn es gelehrt wird, kommt immer schon zu spät. Nur indirekt vermag sich der Historismus zur Geschichte zu verhalten.[86] Mit anderen Worten: Der Historismus entläßt sich aus einer Geschichte, die zugleich die Bedingung seiner Möglichkeit als einer historisch-praktischen Wissenschaft immerzu suspendiert. Die Krise des Historismus fällt immer schon mit ihm zusammen, was ihn nicht daran hindert, weiterleben zu müssen, solange es ›Geschichte‹ gibt.

Es war Henry Adams, der wohl erstmals versucht hat, dieses Dilemma methodisch einzukreisen. Er entwickelte eine Theorie der Bewegung, in der Fortschritt und Historie zugleich thematisiert wurden, und spezifizierte sie durch seine Frage nach der geschichtlichen Zeitstruktur. Adams stellte ein Gesetz der Acceleration auf, wie er es nannte, aufgrund dessen die Maßstäbe ständig verändert werden, weil die sich beschleunigende Zukunft den Rückgriff auf die Vergangenheit ständig verkürzt. Die Bevölkerung vermehre sich in verjüngenden Abständen, die technisch zu erzeugenden Geschwindigkeiten erhöhten sich – gemessen zu früher – im Quadrat, [66] die Produktionssteigerungen wiesen ähnliche Verhältnisse auf und so die wissenschaftliche Effektivität, die Lebenserwartungen stiegen an und könnten seitdem die Spannen mehrerer Generationen umfassen – aus diesen und ähnlichen, beliebig vermehrbaren Bei spielen zog Adams den Schluß, daß keine Lehre mehr stimme, bis auf die eine: Alles, was ein Geschichtslehrer sich erhoffen dürfe, sei nicht mehr die Lehre, wie man zu handeln habe, sondern höchstens, wie zu reagieren: All the teacher could hope was to teach (the mind) reaction.[87]

Ursprünglich erschienen in: Natur und Geschichte. Karl Löwith zum 70. Geburtstag, hg. von Hermann Braun und Manfred Riedel, Stuttgart: Kohlhammer 1967, S. 196-219.

Quelle: Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, 38-66.


[1] Friedrich von Raumer, Erinnerungen, Leipzig 1861, I, 118.

[2] Jobann Heinrich Zedier, Großes Vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Halle und Leipzig, Bd. 13, 281 ff.

[3] Diodoros Siculus: Bibliotheca Historica (hrsg. v. F. Vogel), Leipzig 1883, I, c. 1.

[4] Vgl. Hugo Friedrich, Montaigne, Bern 1949, 246 ff.; Jean Bodin, Methodus ad facilem Cognitionen! historiarum, Paris 1572, Kap. 3.

[5] Von K. F. Wander in sein Deutsches Sprichwörterlexikon Leipzig 1867, I, 1593 aufgenommene Wendung von Jassoy aus Welt und Zeit (1816-19) V, 338, 166; ferner III, 80: »Die Geschichte ist der unversiegbare Dorfbrunnen, aus dem jeder das Wasser des Beispiels schöpft, um seinen Unflat abzuwaschen.«

[6] Polybios, Historiai XII, c. 25 b; I, c. 35 passim. Dazu Matthias Geizer, Kleine Schriften, Wiesbaden 1963, III, 115, 175 ff. und Arnold Toynhee, Greek Historical Thought, New York 1952.

[7] Cicero, De orat. II, c. 9, 36 u. c. 12, 51.

[8] Cic, De div. 1, 50. Dazu Karl Keuck, Historia, Geschichte des Wortes und seiner Bedeutungen in der Antike und in den romanischen Sprachen, Diss. Münster 1934.

[9] Manitius, Gesch. d. Lit. des lat. Mittelalters, München 1911, 478 ff.; Zielinski, Cicero im Wandel der Jahrhunderte, Leipzig-Berlin 1908. Philippson, »Cicero« (Pauly-Wissowa, RE VII A 1).

[10] Jacques Fontaine, Isidore de Seville et la culture classique dans l’Espagne wisigothique, Paris 1959, I, 174 ff.

[11] Isidor von Sevilla, Etymologiarium sive originum libri XX (ed. W. M. Lindsay, Oxford 1957, 2 Bde.) I. 43: Historiae gentium non inpediunt legenti bus in his quae utilia dixerunt. Multi enim sapientes praeterita hominum gesta ad institutionem praesentium historiis indiderunt. Vgl. Hugo Friedrich, Die Rechtsmetaphysik der Göttlichen Komödie (Frankfurt 1942), wo darauf verwiesen wird, daß Gregor der Große ausdrücklich heidnische exempla wieder zugelassen habe (S. 36).

[12] Bedae Historia ecclesiastica gentis anglorum (ed. A. Holder, Freiburg und Tübingen 1882) Proöm.: Sive enim historia de bonis bona referat, ad imitandum bonum auditor sollicitus instigatur; seu mala commemoret de pravis, nihilominus religiosus ac pius auditor sive lector devitando, quod noxium est et perversum, ipse sollertius ad exsequanda ea, quae bona ac digna esse cognoverit, accenditur. Vgl. H. Beumann, Widukind von Korvey als Geschichtsschreiber, und Herbert Grundmann, Eigenart mittelalterlicher Geschichtsanschauung, in Geschichtsdenken und Geschichtsbild im Mittelalter, Darmstadt 1961, 143 ff. und 430 ff.

[13] Siehe die Belege bei Adalbert Klempt, Die Säkularisierung der universalhistorischen Auffassung, Göttingen 1960, 21 f., 142. Für Luther vgl. H. Zahrnt: Luther deutet Geschichte, München 1952, 16 ff. mit vielen Belegen.

[14] Niccolò Machiavelli, Discorsi, ed. Giuliano Procacci, Milano 1960, Libro primo, Proemio, 123 ff.

[15] Jean Bodin, La Methode de l’Histoire, franz. v. Pierre Mesnard, Paris 1941, XXXVIII, 14, 30, 139 passim.

[16] Vgl. etwa das in vielen Auflagen gedruckte Lexicon Juridicum des J. Kahl: Historia propria earum rerum, quibus gerendis interfuit is, qui enarrat … Historias autem rerum gestarum ab initio mundi, Deus optimus Maximus ob eam rem describi voluit, ut exemplis tandem omnium seculorum ob oculos novis formam exponeret, secundum quam delabascente Reipublicae statu feliciter reparando deliberaremus (ed. Jac. Stoer, 1615, S. 525). Oder G. A. Viperano, De scribenda Historia, Antwerpen 1569: Aufgabe des Historikers sei es, »res gestas narrare, quae sint agendarum exempla«.

[17] J. H. Alsted, Scientiarum omnium Encyclopaediae, Bd. IV, Buch 32, exhibens Historicam (Lugduni 1649). Historica est disciplina composita de bono practico obtinendo ex historia … Historia est theatrum universitatis rerum, speculum temporis, thesaurus demonstrationis, oculus sapientiae, speculum vanitatis, imbecillitatis et stultitiae, principium prudentiae, custos et praeco virtutum, testis malitiae ac improbitatis, vates veritatis, sapientiae metropolis, et thesaurus ad omnem posteritatem, seu ktema eis aei … (S. 25 ff.)

[18] de Mably, De l’étude de l’histoire, Paris 1778, Kap. 1, wo die Lektüre des Plutarch anempfohlen wird, damit sich der Herrscher sein Vorbild auswählen könne.

[19] Franz Wagner, zit. von Peter Moraw, Kaiser und Geschichtsschreiber um 1700, in: Welt als Geschichte, 1963, 2, 130.

[20] Zit. von Theodor Schieder in Deutscher Geist und ständische Freiheit, Königsberg 1940, 149.

[21] Zit. von Hans Haussherr, Hardenberg, eine polit. Biographie, 1. Teil (hrsg. v. K. E. Born), Köln und Graz 1963, 30 f.

[22] Abraham de Wicquefort, dessen Werk L’Ambassadeur et ses fonctions, seit 1682 immer wieder verlegt wurde, forderte, »la principale estude de ceux, qui prétendent se faire employer aux Ambassades, doit estre l’Histoire« (Amsterdam 1746, I, 80) und er nennt noch Tacitus und Commynes als gleichrangige Lehrer für die Diplomaten. Vgl. auch Victor Pöschls Einleitung zu Tacitus’ Historien (Stuttgart I919, dt. Übers. VII f.). J. Ch. de Folard übersetzte (Paris 1727 ff.) die »Histoire de Polybe« und versah sie noch mit einem militärwissenschaftlichen Kommentar für die eigene Zeit, dessen Bedeutung Friedrich II. so hoch einschätzte, daß er einen Auszug veröffentlichen ließ, der wieder ins Deutsche übersetzt wurde (Leipzig 1760).

[23] Frédéric le Grand, Œuvres, Berlin 1846, Bd. 2, Avant-Propos von 1746 zur Hist, de mon temps, XIII ff.

[24] Frédéric le Grand, Œuvres, Berlin 1846 (II, 34, aus der Histoire de mon temps in der Fassung von 1775) »Quiconque vent lire l’histoire avec application, s’appercevra que les mêmes scènes se reproduisent souvent, et qu’il n’y a qu’à y changer le nom des acteurs«. Vgl. dazu Gottfried Arnold, Wahres Christentum Alten Testaments, 1707, 165: »Es wird immer einerley Comödie oder Tragödie auf der Welt gespielt, nur dass immer andere Personen dabey seyn«. Friedrich zog freilich schon den Schluß, daß es deshalb besser sei, die Entdeckungsgeschichte der Wahrheiten und den Fortschritt in der Aufklärung der Geister zu verfolgen (a.a.O.).

[25] Ders. Œuvr. IX, 166. Die Prognose wird 1770 als Konsequenz aus Holbachs Système de la Nature gezogen.

[26] Francesco Guicciardini, Ricordi (hrsg. v. R. Palmarocchi), Bari 1935, II, 58, 110, 114, dagegen I, 114; hier zit. nach der Ausg. v. E. Grassi, Bern 1946, 34 ff. Siehe auch schon Polybios, Hist. V, 75, 2 und XV, 27, 5.

[27] Baltasar Gracián, Criticón (deutsch v. H. Studniczka), Hamburg 1957, 179 ff.

[28] Frédéric le Grand, Œuvr. V, 233, Historie de la Guerre de sept ans, Kap. 17: «Car c’est là le propre de l’esprit humain, que les exemples ne corrigent personne; les sottises des pères sont perdus pour les enfants; il faut que chaque génération fasse les siennes« (geschrieben am 17. 12. 1763).

[29] Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, hrsg. v. R. Stadelmann, Pfullingen 1949, 31. Dazu Karl Löwith, Jacob Burckhardt, Stuttgart 1966, 19, 53, 94.

[30] G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, hrsg. v. J. Hoffmeister, Leipzig 1949, 156.

[31] Alexis de Tocqueville, De la Démocratie en Amérique, 4. Teil, Kap. 8; Oeuvr. compl. (ed. J. P. Mayer), Paris 1961, I, 336: »Je remonte de siècle en siècle jusqu’à l’antiquité la plus reculée: je n’aperçois rien qui ressemble à ce qui est sous mes yeux. Le passé n’éclairant plus l’avenir, l’esprit marche dans les ténèbres«. Dazu Hannah Arendt, Fragwürdige Traditionsbestände, Frankfurt 1957, 102 und dies., Ober die Revolution, München 1963, 70.

[32] Vgl. W. Heinsius, Allgemeines Bücherlexikon (1700-1810), Leipzig 1812, Bd. 2, wo die Verdrängung der Historie zugunsten der Geschichte in den Überschriften ablesbar ist. Zum ganzen Vorgang jetzt detailliert R. Koselleck, Die Herausbildung des modernen Geschichtsbegriffs. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Stuttgart 1975, Bd. 2, 647 ff.

[33] Dazu Johannes Hennig, Die Geschichte des Wortes ›Geschichte‹ in Dt. Vjschr. f. Lit.wiss. u. Geistesgesch. 1938, 16. Jg., 511 ff. und Heinz Rupp u. Oskar Köhler, Historia-Geschichte, in Saeculum Bd. 2, 1951, 617 ff.

[34] J. G. Droysen, Historik (hrsg. von R. Hühner), München und Berlin 1943, 325 (MS-Druck von 1858), 357 (§ 83).

[35] Heinrich Luden, Handbuch der Staatsweisheit oder der Politik, Jena 1811, VII f. Der Ausdruck der ›Geschichte selbst‹ verbietet, die Ludensche Wendung mit dem alten Topos gleichzusetzen, daß der Historiker nur die Tatsachen sprechen lassen solle, daß er sich als reiner Spiegel zu verhalten habe oder als Maler, der die nackte Wahrheit wiedergebe – eine Wendung, die seit Lukian und seit der Lukian-Rezeption durch die lateinische Übersetzung von W. Pirckheimer (1514) und die deutsche Übersetzung von Wieland (1788) immer wieder auftauchte (dazu Rolf Reichardt, Historik und Poetik in der deutschen und französischen Aufklärung, Staatsarbeit Heidelberg 1966). Dieses Selbstverständnis der Historiker bleibt jener naiven Erkenntnistheorie verpflichtet, nach der man historische Fakten in der Darstellung nachahmen könne und solle. Vgl. etwa J. L, v. Mosheim: Die Geschichte »soll malen, doch ohne Farben malen. Das heisset soviel: Sie soll die Taten und Personen, die sie abbildet, so wenig, als es sein kann, durch Gleichnisse, durch Bilder, durch verblümte Redensarten ausschmücken. Alles soll, wenn ich so reden darf, in dem Stande der Natur gewiesen und dargestellet werden« (Versuch einer unpartheyischen und gründlichen Ketzergeschichte, 2. Aufl. Göttingen 1748, 42 f.). Moser bildet hier wohl die Brücke zu Luden, als er in seiner Vorrede zur Osnabrückischen Geschichte (1768, hg. von Abeken, Berlin 1843, I, VII) forderte, »dass in der Geschichte, so wie auf einem Gemälde, bloss die Taten reden, und Eindruck, Betrachtung und Urteil jedem Zuschauer eigen bleiben müssen«.

[36] Radowitz, Ausg. Schr. II, 394, Regensburg o. D.

[37] Gustav von Mevissen (Ein rheinisches Lebensbild von J. Hansen, Berlin 1906, I, 133) aus dem Jahr 1837, auch gegen Hegel gerichtet. Eine Vorform dieser Kritik findet sich bei Lichtenberg (Ges. Werke, Frankfurt 1949, I, 279): »Dass die Geschichte eine Lehrmeisterin des Lebens sei, ist ein Satz, der gewiss von vielen ununtersucht nachgebetet wird. Man untersuche einmal, wo die Menschen, die sich durch ihren Verstand gehoben haben, ihren Verstand herhaben. Sie holen ihn in den Affären selbst, da wo die Begebenheiten sind, nicht da, wo sie erzählt werden«. Freilich findet Lichtenberg wieder zu dem alten Topos zu rück, daß am besten die großen Männer ihre Geschichten selber schreiben sollten, während Mevissen konsequenterweise auch das für nutzlos hält, aber statt dessen die neue Aufgabe stellt, »die Geschichte der Reflexion der Geschichte zu schreiben«.

[38] Droysen, Historik, München und Berlin 1943, 354.

[39] Königsberg-Leipzig, 2. Aufl., Sp. 386.

[40] Benecke-Müller-Zarncke, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Leipzig 1866, II 2, 115 ff.

[41] In Zedlers Universallexikon fehlt noch das Stichwort der Geschichte. Adelung, der die Verdrängung der Historie zugunsten der Geschichte registriert, um sie zu befördern, schreibt u. a.*. »Die Geschichte, plur. ut nom. sing. …« In gewöhnlicher Bedeutung mache die Geschichte »ein gewisses Ganzes« aus und sei wahr, d. h. nicht erdichtet.« »Die Geschichte dieses Mannes ist sehr merkwürdig, d. i. alles was sich mit ihm zugetragen hat, seine Begebenheiten. In eben diesem Verstände stehet es oft collective und ohne Plural, von mehreren Begebenheiten einer Art« (Versuch eines vollständigen Grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, Leipzig 1775, II, 600 f.).

[42] Hrsg. v. F. Nicolai, Berlin u. Stettin 1778, Bd. 34, 473. Anonyme Rezension von C. F. Flögel, Geschichte des menschlichen Verstandes, Breslau 1776, 3. Aufl.

[43] Fénélon: »La principale perfection de l’histoire consiste dans l’ordre et dans l’arrangement. Pour parvenir à ce bel ordre, l’historien doit embrasser et pos séder toute son histoire; il doit la voir tout entière comme d’une seule vue … Il faut en montrer l’unité« Œuvres compl., Paris 1850, III, 639 ff. Projet d’un traité sur l’histoire, 1714. Dank frdl. Hinweis von Hans R. Jauss, vgl. dessen Literarische Tradition und gegenwärtiges Bewußtsein der Modernität, in Aspekte der Modernität, Göttingen 1965, 173. Für Deutschland vgl. Justus Moser, der in seinen Patr. Phantasien (Hamburg 1954, IV, 130 ff.) 1780 einen Plan zur deutschen Reichsgeschichte ab 1495 entwirft: man müsse ihr »den Gang und die Macht der Epopee« geben. »Solange wir aber den Plan unserer Geschichte … nicht zur Einheit erheben, wird dieselbe immer einer Schlange gleichen, die, in hundert Stücke zerpeitscht, jeden Teil ihres Körpers, der durch ein bißchen Haut mit dem anderen zusammenhängt, mit sich fortschleppt.« Eine vollständige Reichshistorie könne allein in der »Naturgeschichte (ihrer) Vereinigung« bestehen.

[44] Dazu Meta Scheele, Wissen und Glauben in der Geschichtswissenschaft (Beitr. z. Phil. H. 13) Heidelberg 1930.

[45] J. M. Chladenius, Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schrifften, Leipzig 1742. Chl. unterscheidet schon eine Geschichte an sich, die nie ganz erkennbar sei, und die Vorstellung von ihr: aus dieser Diskrepanz ergäben sich die Sehepunkte (§ 309), der Zwang zur Auslegung (§ 316) und zur Darstellung der Geschichten in verjüngten Bildern (§ 353). Vgl. ders., Allgemeine Geschichtswissenschaft, Leipzig 1752.

[46] Vgl. P. S. Jones, A list from French prose fiction from 1700 to 1750, Diss. Columbia Univ. New York 1939 – dank frdl. Hinweis von H. Dieckmann, und Herbert Singer, Der deutsche Roman zwischen Barock und Rokoko, Köln u. Graz 1963, dessen Quellenverzeichnis für die Zeit zwischen 1690 und 1750 weit mehr ›Geschichten‹ als ›Romane‹ nachweist. Zum Ganzen Werner Krauss, Studien zur deutschen und französischen Aufklärung, Berlin 1963, 176 passim und H. R. Jauss, Ästhetische Normen und geschichtliche Reflexion in der ›Querelle des Anciens et des Modernes‹ (= Einl. zur Parallèle des Anc. et des Mod. von Perrault, Neudruck München 1964).

[47] Aristoteles, De Arte Poetica (ed. I. Bywater, Oxford 1958), Kap. 9, 1451 b. Für Lessing siehe Über den Beweis des Geistes und der Kraft (hrsg. v. Rilla, Berlin 1958, Bd. 8, 12) oder Hamburgische Dramaturgie, 19. Stück (3. Juli 1767). Die traditionelle Einstufung der historischen Wissenschaft hat Lessing – sowenig wie die Encyklopädisten – nicht gehindert, geschichtsphilosophisch neue Bahnen zu öffnen, auch wenn er den Begriff ›Geschichte‹ etwa in der Erziehung des Menschengeschlechtes, nicht dafür verwendete. Vgl. auch Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, Bonn 1960, 105.

[48] G. W. Leibniz, Theodizee, 2. Teil, 148 u. 149 (hrsg. von C. J. Gerhardt, Leipzig 1932, 6. 198).

[49] Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Neunter Satz 1784 (hrsg. von W. Weischedel, Darmstadt 1964, VI, 47). Von Köster in seinem Art. Historie in der Teutschen Encyklopädie …, Frankfurt 1790, Bd. 15, 652 übernommene Antithese, die zuerst von der Göttinger Schule formuliert worden war.

[50] B. G. Niebuhr, Geschichte des Zeitalters der Revolution, Hamburg 1845, 41.

[51] Wilhelm von Humboldt, Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers (1821), Werke, Darmstadt 1960, I, 590 (= Ges. Schr. IV, 41): »(Die Geschichte) dient nicht sowohl durch einzelne Beispiele des zu Befolgenden, oder zu Verhütenden, die oft irre führen und selten belehren. Ihr wahrer und unermeßlicher Nutzen ist es, mehr durch die Form, die an den Begebenheiten hängt, als durch sie selbst, den Sinn für die Behandlung der Wirklichkeit zu beleben und zu läutern.«

[52] Johannes von Müller, Vier und zwanzig Bücher allgemeiner Geschichten besonders der europäischen Menschheit, Stuttgart u. Tübingen 1830, VI, 351. Einen ähnlichen Übergang von der pragmatischen Lehrhaftigkeit zur geschichtlichen Schicksalserfüllung entwickelt E. M. Arndt: »Gering ist die Lehre, die wir als Bürger von der Vergangenheit nehmen, wenn wir gleich grosse von ihre nehmen könnten, aber … so ist es weise geordnet. Nur in dem Sinn des Ganzen wird immer von der Vergangenheit zur Zukunft gestrebt; Lehren, Regeln, Beispiele bedeuten einzeln wenig; denn jedes Zeitalter fährt doch unaufhaltsam mit seinem eigenen Geist hindurch« (Der Bauernstand – politisch betrachtet, Berlin 1810, 109).

[53] Sämtliche Werke, Leipzig 1874, 2. Aufl., Bd. 33, VI f.

[54] Historisch-Politische Zeitschrift, Hamburg 1832, I, 375: »Nur allzuoft hegen wir in gegenwärtiger Zeit die Einbildung, dass unsere Zustände neu und niemals dagewesen seien. Gern greifen wir zu dem, was unsere Nachbarn am heutigen Tage für gut halten; selten erinnern wir uns, welche Lehren die vergangenen Jahrhunderte geben … Gott hat sich uns nicht unbezeugt gelassen … Das Buch der Geschichte liegt aufgeschlagen; wir können wissen, wodurch die Nationen gross werden, wodurch sie zugrunde gehen; wir haben die zusammen treffenden Beispiele der älteren Vergangenheit und der frischesten Erinnerung.«

[55] Siehe etwa Karl von Rotteck, Allgemeine Weltgeschichte, Braunschweig (20. Aufl.) und New York (1. Aufl.) 1848, I, 42 ff. §§ 70 ff.: »Nutzen der Geschichte.»

[56] Voltaires Philosophie de l’Historié (Amsterdam 1765, pseudon. Abbé Bazin; krit. Ed. v. J. H. Brumfitt, Genf 1963 = Studies on Voltaire and the 18th Cent. Bd. 28, hrsg. von Th. Bestermann; 1767 rezensiert von Gatterer in der Allgem. Hist. Bibl., Halle, I, 218; im folgenden Jahr übersetzt und mit theologischem Kommentar versehen von J. J. Harder: Die Philosophie der Geschichte des verstorbenen Herrn Abtes Bazin …, Leipzig 1768.

[57] Dazu R. V. Sampson, Progress in the Age of Reason, London 1956, 70 ff., und H. M. G. Köster, Über die Philosophie der Historie, Gießen 1775.

[58] H. M. G. Köster (= Sigle 1), Art. Historie, Philosophie der Historie in der Teutschen Encyklopädie, Frankfurt 1790, Bd. 15, 666. Noch 1838 schrieb Julius Schaller in den Hallischen Jahrbüchern (Nr. 81, 641) »Die Geschichte als die Darstellung des Geschehenen ist in ihrer Vollendung notwendig zugleich Philosophie der Geschichte«.

[59] Wie immer die christlich-theologischen Deutungen der irdischen Ereignisse in der Genealogie des modernen Geschichtsbegriffs eingestuft werden, – die Heilsgeschichte setzt als Begriff den Zerfall der historia sacra und der historia profana und die Verselbständigung der »Geschichte an sich‹ bereits voraus. Thomas Wizenmann übernahm bewußt die ganze Bedeutungsfülle des modernen Geschichtsbegriffs, als er Die Geschichte Jesu mit dem Untertitel Zur Philosophie und Geschichte der Offenbarung (Leipzig 1789) konzipierte: »Die Zeit ist endlich gekommen, daß man anfängt, die Geschichte Jesu nicht blos als Spruchbuch für die Dogmatik, sondern als hohe Geschichte der Menschheit zu behandeln« (67). Und er schickte voraus: »Lieber wollte ich die Philosophie aus der Geschichte, als die Geschichte aus der Philosophie bestätigen. Geschichte ist die Quelle, aus der alles geschöpft werden muss« (55).

Sein geistiger Lehrer Bengel konnte sich (sowenig wie Lessing) des modernen Geschichtsbegriffs noch nicht bedienen, als er die Abfolge der bisher verfehlten Apokalypsedeutungen als einen zunehmenden Enthüllungs- und Bewußtwerdungsprozeß interpretierte, wobei die faktische und die geistige ›Geschichte‹ in seiner letzten und insofern letztlich wahren Prophetie konvergierten (Erklärte Offenbarung Johannis, 1740, hrsg. von Burk, Stuttgart 1834). Damit war ein theologisches Modell der Phänomenologie des Geistes gesetzt worden, was Kant im Streit der Fakultäten (Ed. Weischedel, VI, 335) zu der Bemerkung veranlaßte: »Dass aber ein Geschichtsglaube Pflicht sei, und zur Seligkeit gehöre, ist Aberglaube.« Erst nach der vollen Entfaltung der idealistischen Geschichtsphilosophie konnte J. Chr. K. von Hofmann in den vierziger Jahren den zwangsläufig nur mehr partiellen Gegenbegriff einer Heilsgeschichte prägen. Vgl. G. Weth, Die Heilsgeschichte, FGLP IV, 2, 1931 und Ernst Benz, Verheißung und Erfüllung, über die theologischen Grundlagen des deutschen Geschichtsbewußtseins, in ZKiG J4, 1935, 484 ff.

[61] Voltaire, Art. Histoire (Encycl., Lausanne u. Bern 1781, 17, 555 ff.): »histoire naturelle, improprement dite histoire, et qui est une partie essentielle de la physique«. Adelung: »In sehr uneigentlichem Verstände wird (der Ausdruck Geschichte) in dem Worte Naturgeschichte gebraucht« (Versuch eines vollst. … Wörterbuches …, II, 601). Zur Historisierung des Naturbegriffs siehe Kants Allgemeine Naturgeschichte von 1755 und seine wortgeschichtliche Bemerkung in der Krit. d. Urteilskraft, § 82 (V 549). Ferner Lorenz Oken, Über den Wert der Naturgeschichte besonders für die Bildung der Deutschen, Jena 1810. Zum Wort von Marx, daß die Geschichte die »wahre Naturgeschichte des Menschen« sei, siehe Karl Löwith, Vom Sinn der Geschichte, in Sinn der Geschichte, München 1961, 43.

[62] Kant, Anthropologie (1798), Ed. Weischedel, VI, 503.

[63] G. W. F. Hegel, Die Vernunft in der Geschichte, ed. J. Hoffmeister, Hamburg 1955, 5. Aufl. 1961.

[64] Rupert Kornmann, Die Sibylle der Zeit aus der Vorzeit. Regensburg 1814 (2. Aufl.) Bd. 1, 84.

[65] Goethe und Reinhard, Briefwechsel, Frankfurt 1957, 246.

[66] D’Alembert, Discours Préliminaire de l’Encyclopédie (1751), hrsg. von E. Köhler, Hamburg 1955, 62.

[67] Friedrich Schiller, Resignation (S. W., hrsg. von Goedeke) Stuttgart 1877, I, 46.

[68] Theodor von Schön: »Wenn man die Zeit nicht nimmt, wie sie ist, und das Gute daraus ergreift und es in seiner Entwicklung fördert, dann straft die Zeit«, aus Woher und Wohin, 1840 (Aus den Papieren des Ministers … Th. v. Schön, Halle 1875 ff., III, 239).

[69] Diderot, Art. Encyclopédie (Enc, Lausanne u. Bern) 1781, Bd. 12, 340 ff.

[70] Steyès, Was ist der dritte Stand?, dt. Berlin 1924, 13 (Reflexion aus dem Nachlaß).

[71] Macaulay äußerte später, daß in Frankreich, wo »der Abgrund einer großen Revolution … das neue System von dem Alten« getrennt habe, die Historie vor 1789 nüchtern und vorurteilsfrei getrieben werden könne. »Wo aber die Geschichte als ein Repositorium von Urkunden betrachtet wird, von denen die Rechte der Regierungen und Völker abhängen, da wird der Trieb zur Fälschung fast unwiderstehlich.« In England seien die Vorgänge des Mittelalters noch immer gültig. Oft komme man im Parlament nicht eher zur Entschließung, »als bis die Beispiele, die von den frühesten Zeiten in unseren Annalen zu finden, gesammelt und geordnet« seien (Die Gesch. Englands seit dem Regierungsantritt Jacobs II., dt. v. F. Rülau, Leipzig 1849, I, 23). »Durch die Revolution befreiten sich die Franzosen von ihrer Geschichte« notierte Karl Rosenkranz 1834 (Aus einem Tagebuch, Leipzig 1854, 199, zit. nach H. Lübbe, Arch. f. Phil., 10/3-4, 203).

[72] Nouveau diet, historique, 1791, Art. Histoire.

[73] Malchus, Staatsrat des Königreiches Westfalen am 14. 7. 1808 (F. Timme, Die inneren Zustände des Kurfürstentums Hannover 1806-1813, Hannover 1893, II, 510).

[74] Kant, Der Streit der Fakultäten, 2. Abschn. 2 (VI, 351).

[75] Siehe H. Taine, Die Entstehung des modernen Frankreich, dt. von L. Kutscher, Leipzig 1893, III/2, 222. Ferner J. G. Droysen (zum monarchischen Prinzip 1843): »Allerhöchste Befehle setzen fest, was der Geschichte dafür gelten soll, geschehen zu sein«, Das Zeitalter der Freiheitskriege, Berlin 1917, 256.

[76] Cl. Th. Perthes, Friedrich Perthes’ Leben, Gotha 1872, 6. Aufl., III, 271 (Zwischen 1822 und 1825).

[77] B. G. Niebuhr, Geschichte des Zeitalters der Revolution, Hamburg 1845, 41.

[78] Vgl. Luthers Tischrede vom Sept./Nov. 1532 (W. A. Tischreden, Weimar 1913, II, 636 f., 2756 b): Nach Melanchthon blieben der Welt noch 400 Jahre. »Sed Deus abbreviabit dies propter electos; dan die welt eilet davon, quia per hoc decennium fere novum saeculum fuit.« Dazu demnächst meine Abhandlung: Gibt es eine Beschleunigung in der Geschichte? in der Vortragsreihe der Rhein.-Westf. Ak. d. Wiss.

[79] Vgl. Lessing 1780: Die Erziehung des Menschengeschlechts § 90: Vgl. Robespierre (Sur la Constitution, 10. 5. 1793): »Le temps est arrivé de le rappeler à ses véritables destinées; les progrès de la raison humaine ont préparé cette grande révolution, et c’est à vous qu’est spécialement imposé le devoir de l’accélérer«, CEuvr. compl. IX, 495. Für Kant ist der ›Ewige Friede‹ keine »leere Idee, … weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden«, Zum ewigen Frieden, 1796, Ed. Weischedel, VI, 251.

[80] Chateaubriand, Essai historique, politique et moral sur les révolutions an ciennes et modernes considérées dans leur rapports avec la révolution françoise, ed crit. Louis Louvet, Paris 1861, 249. Dazu H. R. Jauss in Aspekte der Modernität, Göttingen 1965, 170.

[81] Kant, Der Streit der Fakultäten, 2. Abschn., 7 (VI, 361).

[82] Fritz Ernst, Zeitgeschehen und Geschichtsschreibung, in WaG. 1957/3, 137 ff.

[83] Vgl. dazu die Diskussion zwischen Perthes, Rist und Poel bei der Planung der »europäischen Staatengeschichte‹ nach 1820 (Friedrich Perthes’ Leben, vgl. Anm. 75, III, 23 ff.).

[84] Droysen, Historik, München u. Berlin 1943, 300 f.

[85] Zeitschr. f. geschichtliche Rechtswissenschaft, 1815, I, 4.

[86] Theodor Mommsen, Römische Geschichte, Berlin 1882, 7. Aufl., III, 477 (Buch V, Kap. 11).

[87] »Die Geschichtskunde gehört zu den Gebieten der Wissenschaft, die nicht unmittelbar durch Lehren und Lernen erworben werden können. Sie ist dafür teils zu leicht, teils zu schwer« (Theodor Mommsens Rektoratsrede in Berlin 1874; Reden und Aufsätze, Berlin 1905, 10).

Hier Kosellecks Aufsatz „Historia Magistra Vitae“ als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s