„ob eine Lehre den Menschen sich selbst überläßt, auf sich selbst fixiert und gerade so in letzter Unsicherheit trei­ben läßt oder ob sie die Kraft hat, einen Menschen im Glauben aus sich herauszurufen und ihn des Wirkens Gottes an ihm gewiß werden zu lassen.“ Johannes von Lüpke über kirchliche Lehre

Johannes von Lüpke hatte 1997 für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament hermeneutische Überlegungen in Sachen kirchliche Lehre präsentiert, die immer noch lesenswert sind. So schreibt er:

Lehre gehört ähnlich wie Arbeit zu den fundamentalen menschlichen Kulturleistungen. Als Sprachwesen nimmt der Mensch Anteil an seiner Umwelt und der menschlichen Kommuni­kationsgemeinschaft; er hört und antwortet, lernt und lehrt. Die Vielfalt der Lebensbereiche, in denen sich heute die Aufgabe der Lehre stellt (Familie, Schule, Kirche, Arbeitswelt), sollte nicht den Grundvorgang vergessen lassen, der alles Lehren als einen Vollzug von Kultur cha­rakterisiert: So wie es in der Landwirtschaft (agricultura) darum geht, ein Stück Natur so zu bearbeiten, daß es Frucht trägt und dem Men­schen dient, so ist der Lehre ein sorgsamer, for­mender und korrigierender Umgang mit der sprachlichen Überlieferung aufgegeben. Hier wie dort geht es darum, etwas Vorge­gebenes erneut fruchtbar werden zu lassen. […]

Die kirchliche Lehre hat ihre primäre Aufgabe darin, Unter­scheidungen zu treffen: zwischen Gotteswort und Menschenwort, Gottes Geist und mensch­licher Vernunft, Kirche und Welt, nicht zuletzt auch zwischen Theorie und Praxis. Was sie in aller Deutlichkeit voneinander unterscheiden soll, darf sie jedoch nicht auseinanderfallen las­sen. Vielmehr geht es darum, das Unterschiedene in rechter Weise zusammenkommen und miteinander kommunizieren zu lassen. Theologie als Unterscheidungslehre, wie sie v.a. von Luther eingeübt worden ist (vgl. dazu G. Ebeling, Das rechte Unterscheiden), erschöpft sich nicht in der Vermittlung von Wissen, sondern drängt auf Anwendung, auf den rechten Ge­brauch der Lehre. In dieser Hinsicht ist die Theologie eine »unendliche Weisheit, welche niemals völlig angeeignet oder ausgelernt werden kann […] Reden und Lehren können wir einigermaßen, aber erst durch Erfah­rung und Übung wird man zum Theologen« (Luther, WA 40 III, 63,32-34; 64,24f).

Um diese Kunst zu erlernen, bedarf es des immer wieder neuen Hörens auf das Wort der Hei­ligen Schrift, die nach 2Tim 3,16 (vgl. Röm 15,4) ja gerade dazu nütze ist, daß sie Lehre und Erziehung, Erkenntnis der Schuld und Befähigung zum guten Werk miteinander ver­bindet. Die rechte Lehre läßt den Menschen in das rechte Verhältnis zu Gott, zu sich selbst und zur Mitkreatur eintreten und bringt so das Leben selbst zurecht. Sie ist gesunde Lehre (1Tim 1,10; 2Tim 4,3; Tit 1,9; 2,1), indem sie am Vorbild der »heilsamen Worte« (1Tim 6,3; 2Tim 1,13) festhält und diese immer wieder neu zur Wirkung kommen läßt. Während im heutigen Sprachgebrauch orthodoxe Lehre unter dem Verdacht steht, ein starres Behaup­ten von bloßen Satzwahrheiten ohne Lebensbezug zu sein, ist die Lehre im biblischen Sinne darin wahr, daß sie das menschliche Leben in allen seinen Beziehungen heil werden läßt.

Als eine solche heilswirksame Kraft unterscheidet sich die im Wort Gottes verwurzel­te Lehre von bloßen Menschenlehren, die im ntl. Zeugnis auch als Menschengebote (vgl. Mk 7,1-15 Par.; Jes 29,13), Philosophie (Kol 2,8 ,ausgeklügelte Mythen (2Petr 1,16; vgl. 1Tim 1,4; 4,7; 2Tim 4,4; vgl. Tit 1,14) oder leeres Geschwätz (1Tim 1,6; 2Tim 2,16) be­zeichnet werden. Die schroffe Entgegensetzung bedeutet nicht, daß sich Göttliches und Menschliches voneinander scheiden ließen. Auch die Schrift, durch die der Heilige Geist lehrt, ist Menschenwort, und ihre vollmächtige Vergegenwärtigung geschieht nicht ohne den Dienst der Verkündigung durch menschliche Worte. Kriterium der Unterscheidung kann nur sein, ob eine Lehre den Menschen sich selbst überläßt, auf sich selbst fixiert und gerade so in letzter Unsicherheit trei­ben läßt oder ob sie die Kraft hat, einen Menschen im Glauben aus sich herauszurufen und ihn des Wirkens Gottes an ihm gewiß werden zu lassen. Als Kriterium in diesem Sinne gilt v.a. das erste Gebot und die unter der Selbstzusage Gottes (Ich bin der Herr, dein Gott) sich bil­dende Glaubensgewißheit. Um ihretwillen hat die reformatorische Theologie dem Artikel von der Recht­fertigung eine einzigartige Bedeutung zuerkannt. Nach Luther ist er »Lehrer und Fürst, Herr, Lenker und Richter über alle Arten von Lehren, welcher alle kirchliche Lehre be­wahrt und lenkt und unser Gewissen vor Gott aufrichtet« (WA 39 I, 205, 2-5).

Kraft dieser Gewißheit sind alle Christen urteilsfähig und urteilsberechtigt: Es »ist kein Rich­ter auf Erden [in geistlichen Sachen über die christliche Lehre] denn der Mensch, der den wahrhaftigen Glauben in seinem Herzen hat, er sei ein Mann oder Weib, jung oder alt, gelehrt oder ungelehrt« (WA 10 III, 263,10-12). Von diesem Grund­satz her wird verständlich, warum die evangelische Theologie das römisch-katholische Konzept eines an die kirchliche Hierarchie gebundenen Lehramtes ablehnt. Wohl aber bedarf es des Predigtamtes, damit sich im Hören auf das Wort Gottes jener »wahrhaftige Glaube« bildet, der die Menschen allererst urteilsfähig werden läßt.

Hier der vollständige Text als pdf.

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