„Um Gottes willen wird Abel erschla­gen“ – Predigtmeditation zu 1. Mose 4,1-16 von Gerhard von Rad

Lovis Corinth – Kain (Ölgemälde, 1917)

Auch in der neuen Perikopenordnung ist für den 13. Sonntag nach Trinitatis in der vierten Reihe 1. Mose 4,1-16, also die Geschichte von Kain und Abel vorgesehen. Dazu hat Gerhard von Rad folgende Predigtmeditation (seinerzeit für den Sonntag Invokavit) verfasst:

Die Erzählung von Kain und Abel handelt vom Menschen schlechthin. Sie wird einmal eine „ätiologische Stammessage“ gewesen sein, ist aber jetzt, wie ihre Stelle im großen Vorbau der jahwistischen Urgeschichte zeigt, ins allgemein Menschliche und Urgeschichtliche ausgewei­tet. (Der Sinn der Namensetymologie in V. 1 bβ ist dunkel.)

Die Menschheit spaltet sich nun auf in einzelne Stände mit verschiedener Lebenshaltung. Diese kulturelle Verschiedenheit reicht aber sehr tief: die beiden Altäre sind ihr beunruhi­gendstes Zeichen. Daß die beiden opfern, darin sieht der Erzähler nichts Besonderes. Ja, auch das hält er für selbstverständlich, daß beide je das Beste ihrer Erträgnisse darbringen zum Leichen dafür, daß sie Gott für den wahren Eigentümer all ihres Be­sitzes halten. Warum Gott das Opfer Kains nicht „angesehen“ habe, wird vom Erzähler in keiner Weise motiviert. Vor Psy­chologisierungen ist zu warnen; der Grund lag schwerlich in der Gesinnung Kains, und wohl auch nicht auf dem Gebiet des Rituellen. (Es sei denn, daß Abels Opfer, weil es ein blu­tiges war, angenommen wurde.) Der Grund für die Entscheidung für Abel ist — entgegen den meisten traditionellen Auslegun­gen! — ganz in die Freiheit der göttlichen Gnade hinaus­zuver­legen. Sie ist von menschlicher Logik aus nicht nachkontrollier­bar, sondern es gilt von ihr der Satz 2.Mos. 33,19 b. Anderer­seits ist zu bedenken, daß Kain damit ja noch nicht in den Grund der Hölle verworfen ist, wie ja auch der folgende gnä­dige Zuspruch Gottes zeigt; aber dieses Opfer hat Gott nicht angenommen. Darüber steigt heißer Groll in Kain auf; — das Böse fängt an, den Menschen bis ins Körperhafte zu entstellen. Kain neidet dem Abel das freundliche Angesicht Gottes (Zim­merli, 1.Mose 1-11; 1. Teil, 268). Um Gottes willen wird Abel erschla­gen. Ist schon der immanente Konkurrenzkampf ein unbarmherziger, so wird der Wider­streit, da, wo es im letzten um die Existenz vor Gott geht, vollends heillos. Davon haben uns die Kirchen- und Weltanschauungskämpfe der letzten Jah­re wieder eine Ahnung gegeben. In politica ira est aliquid hu­mani reliquum … talis furia in politica ira non est … furor pharisaicus est furor plane diabolicus (Luther, W. A. XLII 193).

In dem Wort (göttlicher Seelsorge!) V. 7 kann Gott bei Kain noch an ein Einverständnis an­knüpfen („Ist es nicht also?“). Das schwierige se’et „Aufheben“ ist wohl auf das niedergefal­lene Angesicht zu beziehen = „kannst du es aufheben” d. h. frei blicken. Die Sünde erscheint hier als eine objektive, außer­halb des Menschen befindliche Macht, die raubtierartig von ihm Besitz ergreifen will. Gleichwohl wird Kain die ganze Verant­wortung ihr gegenüber aufge­bürdet. Der Mord führt wie beim ersten Sündenfall sofort Gott auf den Plan. Anders aber als der erste Mensch („wo bist du?“) wird Kain nach seinem Bru­der gefragt. („Die Gottesfrage stellt sich jetzt als die soziale Frage” [Vischer, Jahwe der Gott Kains, 45]). So war dem Kain noch gnadenhaft Raum gegeben zu einer bekennenden Ant­wort (Zimmerli aaO. 273), aber Kain entledigt sich dieser schwersten aller Gottesfragen durch einen zynischen Witz: Soll ich den Hirten hüten?

Soweit ist das Bild des Menschen — zunächst noch einiger­maßen vordergründig — gezeich­net. Nun aber eröffnet die Er­zählung Dimensionen, die Kain nicht in Rechnung gezogen hat. Das Blut des Gemordeten erhebt seinen Klageruf empor zu Gottes Thron (eaḳ ist genau das, was das altdeutsche Recht unter dem „Zeterruf“ verstand, der Appell an den Rechts­schutz; vgl. 2.Kön. 8,3; 5.Mos. 22,24.27). Und Gott ist der Schützer alles Rechts, ihm gehört alles Leben, — ein überaus wichtiger Satz alttestamentlichen Glaubens (1.Mos. 9,6; Ps. 24,1). Kain hat in das Hoheits- und Eigentumsrecht Gottes ein­gegriffen! Und außerdem ist noch etwas Entsetzliches, nie wie­der gut zu Machendes geschehen; etwas, das der antike Mensch viel deutlicher als wir spürte: Die von Gott dem Menschen als mütterliche Lebensgrundlage be­stimmte Erde hatte Bruderblut getrunken! — Hier setzt die Strafe ein: Die Solidarität zwi­schen Menschen und Erde ist nun heillos zerbrochen (die erste Zer­rüttung schon 1.Mos. 3,17 f.). Der Mensch hat jetzt das gottgegebene Heimatrecht auf ihr verwirkt (um dieses „un­stet und flüchtig“ weiß heute die stillste Landgemeinde!). Der Prediger soll sich dieser Tatsa­che stellen und das ihm dazu aufgetragene göttliche Wort dazu ausrichten, um so mehr, da die Erzählung ja selbst eine ausgesprochene „ätiologische“ Zuspitzung hat: woher die Hei­matlo­sigkeit Kains? Aber mit diesem Fluch ver­bindet sich noch etwas viel Schreckliche­res: Seßhaf­tigkeit, Hei­mat auf der Erde vor dem „Angesicht Gottes“ ist für unseren Erzähler der Heilszu­stand schlechthin. Hat Kain das Heimat­recht auf der Erde verloren und ist er von Gott ver­flucht, — so hat er damit Gott, seine Nähe und vor allem seinen Schutz verloren. Darum der Aufschrei Kains (V. 13), der nicht als Ausdruck einer Bußfertigkeit oder einsetzenden Schuld­erkennt­nis zu deuten ist. ‛awon ist hier mit „Strafe“ zu übersetzen. Kain übersieht es sofort: Was vor ihm liegt ist schlechterdings lebensunmöglich, denn ein Leben ohne Gott ist ein Le­ben, das Gott nicht mehr schützt. Auch diese Erkenntnis muß der Mensch heute mit Schmer­zen wieder neu lernen. Kain weiß ja auch ge­nau um das Gesetz, daß vergossenes Blut fort­zeugend Böses gebären muß.

An ihrem Ende aber weist die Geschichte auf ein großes Ge­heimnis. Das letzte Wort in ihr hat ja nicht Kain sondern Gott. War es schon ein Rätsel, daß Kain um seines Mordes willen nicht getötet wurde, so ist es vollends wunderbar, daß der von Gott verfluchte Kain, von Gott doch in ein ganz paradoxes Schutzverhältnis aufgenommen wird. Das Zeichen — wahr­scheinlich war in einer älteren Gestalt der Geschichte an eine Tätowierung gedacht — ist als ein Schutz­zeichen zu verstehen. Auch der von dem Angesicht Gottes weggehende Kain bleibt noch Eigentum Gottes. Das Hoheitsrecht Gottes über Kain ist wunderbarerweise noch nicht erlo­schen. Gott will nicht, daß die von ihm über Kain verhängte Strafe dem Menschen das Recht zu Verwilderung und Blutvergießen gibt. So endet die Kainsgeschichte mit einem verhaltenen Wort von einem göttlichen Gnaden- und Ordnungswillen.

Zum Beginn der Passionszeit ziemt sich ein Wort über den Umfang des vom Menschen ange­richteten Schadens. Der Mensch, der sich dem Kreuz nähert, ist ein Brudermörder von Anfang an. — Der Ausleger mag ruhig auch die kulturgeschichtliche Linie aufzeigen: die Aufglie­derung der Menschheit in verschiedene Lebensstände, die zwei Altäre. Und Kain geht auf dem beschrittenen Weg weiter: Städtegründung, musische Künste; mit der Schmiedekunst tritt das Schwert als bewährtes Werkzeug in den Gesichtskreis; und das Lamechlied feiert ver­zückt die eigne Kraft und die Maßlosigkeit der Rache (1.Mos. 4,17-24).

Die Predigt sollte aber doch um den Vers 10 kreisen: Unaus­denkbar und unsühnbar für alle menschlichen Begriffe ist der Tag und Nacht zu Gott emporklagende Ruf des Blutes unseres Bruders Abel. Von hier aus wären mannigfache und bekannte Mißverständnisse zu zerstreuen: Abelblut, auch das beste und geliebteste, bringt nie Heil vor Gott, sondern mehrt die Last des Fluches. Aber „Christi Blut redet besser denn Abels“ (Hebr. 12,24). So redet die Bibel von zweierlei Blut und seiner Stimme vor Gott: der millionenfach verklagenden und der heilenden des Einen; und eine Invokavitpredigt über 1.Mos. 4 darf — wie aus großer Ferne — auf das Kreuz Christi hinweisen.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen 1973, 14-17.

Hier der Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Die Überschrift „Um Gottes willen wird Abel erschlagen“ ist eine unerträgliche Schuldzuweisung an Gott und ein untauglicher Versuch, sich dem Theodizee-Problem zu stellen.

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