Gerhard von Rad über den Propheten Jona: „Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Der Prophet Jona

Von Gerhard von Rad

Studiert man die Geschichte der Auslegung des Buches Jona von der alten Kirche über die Reformationszeit bis in die Neuzeit, so drängt sich einem der bedrückende Gedanke auf: Vielleicht ist die Christenheit nicht oft des Besitzes dieser wunderbaren Schrift wirklich froh geworden![1] Und zwar deshalb nicht, weil sie — seltsame Situation! — allzuoft in einer gewissen Verkrampfung glaubte, Gott in irgendeiner Weise rechtfertigen zu müssen. Luther hat gewiß sehr herzhaft darüber gesprochen: »Hilf Gott, welch ein wunderlich Werk ist doch das! Wer kann es genugsam bedenken, daß ein Mensch soll drei Tage und drei Nächte so einsam, ohne Licht, ohne Speise, mitten im Meer im Fische leben und wiederkommen? Das mag wohl eine seltene Schiffahrt heißen. Wer wollte es auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wo es nicht in der Schrift stünde?«[2] Aber ein leiser Ton der Ratlosigkeit ist doch auch hier unverkennbar. Und jener im 18. Jahrhundert weithin angesehene Göttinger Theologieprofessor, der umständlich wissenschaftlich dargelegt hatte, der Fisch sei gar kein Fisch gewesen, vielmehr habe ein Schiff mit Namen »Der große Fisch« den Jona aufgenommen — dieser [66] Gelehrte ist doch auch nur ein Symptom für die allgemeine Verständnislosigkeit.[3]

Wir gehen zunächst von der sehr einfachen Tatsache aus, daß das Büchlein eine Erzählung ist; d. h. ein Verständnis wird nur der finden, der offen und bereit ist, eine Erzählung anzuhören. Vielleicht aber stünde es um unser Verständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.

I.

Im Reich Israel, in dem sogenannten »Nordreich«, lebte zur Zeit des Königs Jerobeam II. (2. Kön. 14,25) ein Gottesmann, einer jener Propheten, durch die Gott seinen Willen und seine Pläne in die Geschichte hineinsprechen ließ. Zu diesem Jona kam eines Tages von Gott der Befehl, nach Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Weltreiches (und des großen Feindes Israels!), zu gehen und »wider sie« zu predigen. Hier mag der Erzähler wohl eine Pause gemacht haben, denn der Hörer muß seine erschrockenen Gedanken über diese ungeheuerliche Zumutung, die an Jona gekommen war, erst sammeln. Wie ist Jona denn zu einem solchen Auftrag gerüstet? Offenbar hat er nur ein Wort Gottes, mit dem er ganz auf sich gestellt in die Weltstadt geschickt wird! Jedenfalls ist der Zuhörer nicht verwundert, wenn er erfährt: Jona wollte nicht! Über das Motiv seines Ungehorsams ist zunächst freilich nichts weiter gesagt. Fürchtet er für sein Leben? Traute er dem Wort Gottes in der Weltstadt keine Wirkung zu? Viel später erst wird deutlich werden, daß Jona aus einem ganz anderen Grund vor Gott geflohen ist. Diese Flucht war aber keineswegs eine überstürzte, kopflose Angelegenheit; vielmehr mußte der Entschluß sozusagen mit kaltem Bedacht gefaßt sein; denn statt sich nach Nordosten aufzumachen, begab er sich nach Südwesten und schiffte sich in Joppe ein, um nach [67] Tharsis im südwestlichen Spanien, d. h. an den äußersten Rand der alten Welt, zu kommen. Auch mag man dazu erwägen, was es sich Jona allein an materiellem Hab und Gut kosten ließ, um dem Gott Israels aus den Augen zu kommen.

Als sie aber auf See unterwegs waren, brach ein furchtbares Unwetter los, und das Schiff geriet in äußerste Seenot. Jeder mag sich leicht vorstellen, wie es da auf dem kleinen Schiff zugegangen sein mag. Aber da man in den alten Zeiten solch ein Unglück nie einfach nur auf natürliche Ursachen zurückgeführt hat, wurden nicht nur alle notwendigen Hantierungen verrichtet — es wurde auch inbrünstig gebetet. (Mit dem »ein jeder zu seinem Gott« ist über die internationale Zusammensetzung der Schiffsbesatzung alles Nötige gesagt.) Jona konnte natürlich nicht mitbeten. Wie sollte er auch! So ist er in die Kajüte hinuntergestiegen, hat sich hingelegt und ist eingeschlafen. Dieser Schlaf ist nun das erste Unbegreifliche an Jona. Er war ja der einzige auf dem Schiff, der wußte, was vorging und welche Bewandtnis es mit dieser Not hatte! Auch Luther hat sich darüber entrüstet: »Da liegt er und schnarcht in seinen Sünden, hört und … fühlt auch nicht, was Gottes Zorn über ihm handelt und vornimmt.« (Was für ein ganz anderes Schlafen im Schiff zeigt uns das Neue Testament!) Aber Jonas gefühllose Verstocktheit ist aufgefallen; die Leute kamen zu ihm herunter und stellten ihn zur Rede; und damit begann in dem schlingernden Schifflein eines der merkwürdigsten Religionsgespräche, während draußen die Wasser des Todes an die Schiffswände schlugen. Die Schiffsleute hatten sehr schnell die Not mit einer Schuld in Verbindung gebracht; ja mehr noch: Sie hatten offenbar mit feinem Instinkt gefühlt, daß gerade mit der Religion bei ihrem seltsamen Gast irgendetwas nicht stimmte. Nun mußte Jona bekennen, denn in jenen letzten Fragen gab es für die Alten kein Verschweigen oder gar Lügen. Aber schrecklich war es, wie Jona in dieser Lage pathetisch sein Bekenntnis deklamierte: [68]

»Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, welcher gemacht hat das Meer und das Trockene. «

Den Ruhm und den Stolz, dieses allmächtigen Gottes Botschafter zu sein, kostete er selbst in dieser Lage aus! Für die Schiffsleute ist der Fall nun vollends schwierig geworden. Zwar war ihnen jetzt klar, daß sich Gottes Zorn nur gegen Jona richtete; aber es schien ihnen doch sehr heikel, sich an dem Diener eines so mächtigen Gottes zu vergreifen. In diesem Zwiespalt kam ihnen seltsamerweise Jona selbst entgegen: Er riet ihnen, sie sollten ihn ins Meer werfen. So groß war sein Starrsinn, daß er lieber sterben wollte, als Gottes Auftrag zu übernehmen. Es ist ein schönes Zeugnis für die Männer, daß ihnen das erst gar nicht einleuchtet, daß sie erst noch einmal versuchten, gegen den Sturm anzukämpfen. Aber dann entschlossen sie sich zu der Preisgabe Jonas und daraufhin ließ der Sturm von ihnen ab. Das alles beeindruckte sie tief, und sie brachten — offenbar später an Land — dem Gott dieses Propheten Opfer dar. So ist nun schon einer der Wege Gottes zu einem Ziel gekommen, denn die heidnischen Schiffsleute sind in den Glauben und die Anbetung des einen lebendigen Gottes eingekehrt. Ja wirklich, Jona hat ihnen dazu verholfen. Aber über welch einen Umweg von Ungehorsam und Starrsinn hinweg! Trotzdem muß man ihn auch so noch als ein Werkzeug Gottes und zum Heil der Menschen gelten lassen.

Jona aber ist nicht ertrunken. Ein großes Seeungeheuer hat ihn verschlungen, und Jona ist in seinem Leib drei Tage und drei Nächte am Leben geblieben. Die Frage nach dem Fisch und dem Wunder, die die Christenheit seit bald zweitausend Jahren bedrückt, hat unseren Erzähler offenbar gar nicht beschäftigt. Ihm war der Fisch einfach ein Zeichen dafür, daß Gott auch und gerade durch die Dimension des Furchtbaren und Abgründigen hindurch seine Absichten zum Ziele führt. Aber darüber will der Erzähler uns staunen lassen: Jetzt betet auch Jona.

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Pro-[69]phet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wieder erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Befehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er diesem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täuschen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufgefallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesinnung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausmalung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niedergelassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze [70] zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neugieriges Betrachten eines Gottesgerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ninive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhaltene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Ausbruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Gelände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Propheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit seinem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt.[4] Gott aber [71] erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Leben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzähler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Gottesmannes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwissende und allmächtige Lenker aller Kreaturen, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kürze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständlich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Leben genommen wurde, da brauste er auf, fühlte sich in seinem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Gedanken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzähler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Menschen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

II.

Ehe wir uns noch einige Gedanken über den Inhalt machen, muß uns die Form dieser Erzählung beschäftigen. Prophetengeschichten, d. h. Nacherzählungen denkwürdiger Begebenheiten, die sich durch das Auftreten von Propheten ereignet hatten, kannte man in Israel schon lange, und man kann da geradezu von einer festen literarischen Gattung, als einer herkömmlichen Erzählungsform, reden. Unsere Jonaerzählung ist auch so eine Prophetengeschichte. Aber während in den älteren Prophetengeschichten ausschließlich oder fast ausschließlich das »Objektive«, das von Gott Kommende, also Gottes Wort oder Wunder oder sonst eine Geisteswirkung gezeigt wird, geht es unserem Erzähler um anderes, nämlich zunächst um die höchst problematische, ungebärdige Menschlichkeit des Gottesmannes. Das ist allein schon ein Zeichen einer relativ späten Abfassung. Ja, unsere Erzählung scheint die späteste und wohl seltsamste Blüte an dem alten, schon fast erstorbenen literarischen Stamm zu sein. Muß es noch gesagt werden, daß uns hier eine schlechthin vollendete Erzählerkultur entgegentritt? Das wird sofort deutlich an der Überlegenheit, mit der der Erzähler die Stoffmasse in zwei ziemlich gleiche Teile gliedert: Kap. 1 und 2 einerseits und 3 und 4 andererseits. Wir werden in der ersten Hälfte schon mit [73] dem Problem und Thema bekannt gemacht; denn, wie da zwar durch Jona, aber doch ganz ohne seinen Willen, die Seeleute zum lebendigen Gott bekehrt werden, das ist ja nur ein Vorspiel zu dem, was sich dann später durch Jona an Ninive ereignet. Und wie ist das alles erzählt! Mit einer Anmut und Leichtigkeit, mit einem Anflug von Lächeln, wie wir das in der Bibel schwer noch einmal so finden. Dürften wir unsere literarischen Begriffe verwenden, so müßten wir auch gelegentlich — etwa bei dem Thema: Jona und die Rizinusstaude — an eine Burleske denken, der sich die Erzählung da und dort annähert. Aber das alles darf uns nicht täuschen: Es geht um sehr ernste und letzte Dinge: um eine Stadt, deren Tage gezählt sind, um Gottes Gericht, um böse Menschen mit steinernen Herzen und um Gottes ewiges Erbarmen. Wohl, man kann die Erzählung nicht lesen, ohne zu lächeln. So aber hebt uns der Erzähler, fast ohne daß wir es merken, über alle menschlichen Maßstäbe und Urteile hinaus. Auch über dem schauderhaften Ausbruch (Kap. 4,1ff.) ist durch die gleich darauffolgende väterlich gütige Frage Gottes schon etwas wie eine Vergebung ausgesprochen. Durch diese Leichtigkeit und eigentümliche Entrücktheit unterfängt sich der Erzähler, uns die Menschen und das ganze menschliche Gelände so zu zeigen, wie es vor den Augen Gottes selbst liegen mag.

Es hat die Kirche große Anstrengung und viele Schmerzen gekostet zu erkennen, daß unser Erzähler nicht primär ein geschichtliches Anliegen hat, also das der Nacherzählung eines wirklichen geschichtlichen Ereignisses.[5] Aber die Dinge liegen ja so, daß man die Erzählung heillos verkennen und auch geradezu entstellen würde, wenn man ihre didaktische Abzwekkung übersehen wollte. Sie ist und will sein eine Lehr-Erzählung. Daß sie damit an die geschichtliche Persönlichkeit eines Propheten Jona anknüpft, sahen wir; möglicherweise an sonst noch geschichtlich Überliefertes. [74] Andererseits scheint das Motiv des Mannes im Fisch mit Mythen der Mittelmeerländer zusammenzuhängen.[6] Aber wir haben es hier nicht mit der Vorgeschichte sondern mit der Jetztgestalt der Erzählung zu tun, wie sie nun in ungewöhnlicher Frische und Geschlossenheit vor uns liegt.

Haben wir die Geschichte vom Propheten Jona als eine Lehr-Erzählung zu verstehen, so will sie offenbar sowohl im Negativen wie im Positiven etwas Typisches, etwas Allgemeingültiges aufzeigen. Und das ist mit Händen zu greifen. Sehr ähnlich sind sich da die Szenen »Jona im Schiff« und » Jona vor Ninive«. Beidemal sehen wir die Heiden ganz bei der Sache, ehrlich in ihrer Not ringend und betend, — Jona ist abseits. Das einemal schläft er; das andere Mal (wenn er da wenigstens schliefe!) sitzt er vor der Stadt und verfolgt mit einem bösen Interesse die Geschehnisse. Und in diesem bösen Abseitsstehen liegt nun das, was Jona freut: die Rizinusstaude. Ihr bißchen Schatten und Kühle füllen ihn ganz aus, und er wird fassungslos, als die Staude verdorrt (so haben wohl zu allen Zeiten auch die Gottesmänner ihre Rizinusstaude, um die sie bangen müssen!). Aber was soll das alles? Worauf will die Erzählung hinaus? Nun muß man bei orientalischen Lehr-Erzählungen sich sehr davor hüten, »die« Lehre allzu einseitig zugespitzt, wie auf eine Nadelspitze gesteckt zu formulieren (Gleichnisse Jesu!); sie sind in der Regel mehrschichtig. Aber — einmal ganz allgemein gesprochen — eine warme Sympathie für die Heiden bleibt natürlich der bestimmende Zug der ganzen Erzählung. Denkwürdig, daß sie es sind, die auf dem Schiff die Initiative ergreifen, sie bedrängen Jona mit der Gottesfrage und wittern instinktsicher bei ihm die Unordnung. Und ebenso liebevoll ist von der Buße der Niniviten erzählt. — Und man sehe einmal, wie in psychologischer Hinsicht ihre Menschlichkeit gezeichnet ist: Bei ihnen, den Seeleuten wie bei den Be-[75]wohnern von Ninive ist alles einfach und durchsichtig. Jona aber ist problematisch und psychologisch höchst kompliziert. Am unheimlichsten wird er da, wo er die Dinge seines Glaubens in den alten bekenntnismäßigen Formulierungen ausspricht, mit denen sein Verhalten in so schrillem Kontrast steht. (Was für ein religionspsychologisches Monstrum ist das Ineinander von Gebet und Zorn und Bekenntnis in dem Wort Kap. 4,1ff.!) Natürlich ist in dem allen Karikatur. Man hat deshalb auch von dem satirischen Charakter des Büchleins gesprochen. Aber damit wird ein Beisatz von Schärfe und Bitterkeit vorausgesetzt, der dem Büchlein durchaus fehlt. Bliebe also nur die Frage nach dem »Ernst«, der Lehre in alledem. Da muß man natürlich vom Schluß des Büchleins ausgehen, denn offensichtlich formuliert hier der Erzähler die eigentliche »Lehre« des Ganzen. Sagen wir nun aber: es geht um den »Universalismus des göttlichen Heilswillens«, wie das oft geschehen ist, so liegt da für uns moderne Leser noch eine gefährliche Klippe. Oft genug hat man es so dargestellt, daß der Erzähler gegenüber allem dogmatischen Unverstand auf eine allgemeine religiöse Wahrheit hinweisen wolle. Aber nicht eindringlich genug kann man davor warnen, die Erzählung als das Produkt einer billigen Aufklärung zu verstehen. (»Dieses bornierte Israel, wie konnte es glauben, daß Gott sich um es in anderem Sinne kümmere als um die andern Völker der Welt!«) Das Buch Jona steht am Ende der Glaubensgeschichte Israels. Es spricht zu denen, die wissen, was Gemeinde und Erwählung ist; nicht zu solchen, die von sich aus schon wissen, daß Gottes Heilsgedanken »natürlich universal« seien. Es weist also nicht auf eine allgemeine »religiöse Wahrheit« hin, zu der sich der Mensch befreien könne und solle. Bund und Erwählung Israels tastet unser Erzähler nicht an. Aber er zeigt eine der schwersten Versuchungen der Gemeinde auf. Denn es gibt wohl — seltsame Psychologie des Volkes Gottes! — etwas wie eine Mißgunst des Glaubens und eine Bitterkeit den Heiden gegenüber. Eine Mißgunst nicht in Gedankenlosigkeit, also dann doch gewissermaßen außerhalb des [76] Glaubens, sondern gerade im Glauben und seiner Betätigung. Denn es ist ja ganz klar: Gerade daß Jona die Wege Gottes mit seiner Gemeinde allzu gut begriffen hatte, – das gerade war ihm zum Motiv seines Ungehorsams geworden. Das Buch zeigt uns freilich keine Charakterentwicklung im Sinne moderner Literatur, aber etwas anderes: ein schrittweises Deutlichwerden einer Veranlagung; immer krasser enthüllt sich das Wesen und die Denkart dieses Mannes. Und dieser Jona — Israel, der den Heiden das Heil Gottes mißgönnt, den füllen die Freude und der Ärger über die Rizinusstaude so aus, daß er außerstande ist, Gottes Gedanken und Gefühle über Ninive zu teilen. Diese Gedanken und Gefühle Gottes sind nun aber im Letzten für unseren Erzähler zweifellos das Wichtigste. Sie kommen unter allen Umständen zum Ziel; auch das absurde Gebaren eines Jona kann sein Werk nicht hindern.[7] Und weil Gottes Heilsgedanken so sieghaft sind, deshalb kann von allen den Seltsamkeiten seines Zeugen auf Erden so untragisch, so lächelnd erzählt werden.

III.

Nun bleibt uns noch ein Wort zu sagen von dem, was für unser Verständnis vielleicht das Schwierigste ist, von dem sogenannten Jonapsalm (Kap. 2,3-10). Darüber, daß er eine spätere Zutat ist, daß er an der Stelle, wo gesagt war, »Jona betete im Leib des Fisches«, nachträglich eingefügt wurde, ist sich die Wissenschaft einig. Uns stört, daß sich die Situation des Gebetes mit der des Jona gar nicht deckt; es ist ja offensichtlich nach der Errettung gesprochen und will nach V. 10 im Jerusalemer Tempel gesprochen sein. Aber vielleicht am meisten stört uns die psychologische Un-[77]glaubwürdigkeit, denn diese frommen und dankergebenen Worte passen doch gar nicht zu dem störrischen Jona, der sich nachher nur noch unglaublicher benimmt als vorher. Und doch ist zu fragen, ob das Gebet wirklich nur eine mehr oder minder unglückliche und stillose Zufügung ist; nur eingeschoben, weil in ihm viel von Meerestiefen, Wassern und Meertang die Rede ist.

Derjenige, der das Gebet einfügte, war offenbar der Meinung, daß Jona so gebetet haben könnte; und tatsächlich scheint das alte Israel über das Verhältnis von Gebet und Leben anders gedacht zu haben. Stößt nicht jeder aufmerksame Leser der Psalmen auf die Frage nach den biographischen Hintergründen? Denn trotz jenes persönlichsten Ichstils will es doch so schwer gelingen, hinter all jenen Bekenntnissen wirklich erlebte Schicksale oder Leiden zu erkennen. Jene Beter haben sich doch viel mehr, als wir es oft annehmen wollten, herkömmlicher Bilder und Redewendungen bedient, sie haben vom Gottesdienst seit Jahrhunderten konventionierte Formen und Formeln aufgegriffen und sich in ihnen mit ihrer subjektiven Not untergebracht und dargestellt. Jene Schilderungen von dem Hinuntergestoßensein in die Tiefen des Meeres, von dem Aufenthalt in der Totenwelt, oder andererseits jene Beteuerungen einer schlechthin vollkommenen Glaubensgerechtigkeit — sind sie denn exakt biographisch zu verstehen, in dem Sinn, daß hier ausschließlich wirklich Erlittenes oder ein wirklich geleisteter Gehorsam berichtet wird? Nun, das ist schwer nachzurechnen; aber klar ist, daß das Subjektive nur einigermaßen gebrochen in Gestalt objektiver Bilder und Formeln wiederkehrt. Aber auch das ist deutlich, daß viele dieser Aussagen das wirklich Erlebte transzendieren. Die Beter stellen sich vielfach im Urbild des Leidenden schlechthin, des Gerechten schlechthin dar. So treten sie im Gebet trotz aller persönlicher Inständigkeit auch wieder in etwas aus sich heraus und halten ein Bild des paradigmatischen Gerechten und paradigmatischen Leidenden vor sich hin, bei dem man nicht durchaus fragen soll, ob sich ihr Persönliches ganz damit deckt. [78]

So ist es auch bei Jona; und wir müssen die Frage nach der psychologischen oder biographischen Entsprechung wohl oder übel fallen lassen, denn es ist wirklich ein anderer Jona, der hier betet; es ist der vor Gott gerechte und von Gott gerechtfertigte Jona; es ist der Jona, der sich nicht nur so darstellt, wie er vor Gott recht ist, sondern so, wie ihn Gott in seiner vergebenden Gnade auch wirklich ansieht: als gerettet und dankend. So rührt der Jonapsalm an ein großes Geheimnis, indem er auf den anderen Jona — Israel hindeutet, den es auch gibt, ja der vor Gott viel wichtiger ist als der fragwürdige, vordergründige Jona. Diese beiden Jonagestalten treten aber nicht einfach auseinander. Es ist nämlich möglich, daß der gerechtfertigte in den ganz ungehorsamen hineintritt und ihm seine Stimme leiht. Und wo dann solch ein Danklied — noch sehr als Fremdling — von sonst unheiligen Lippen kommt, auch wenn es von der Lebensführung des betreffenden Menschen schwer verleugnet und von ihm vielleicht gar nicht ganz verstanden wird, — da leuchtet doch, wenn auch hinter Wolken, die Sonne des göttlichen Trostes.[8]

Zuerst veröffentlicht 1950 im Laetare-Verlag Nürnberg.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 65-78.


[1] P. Friedrichsen, Kritische Uebersicht der verschiedenen Ansichten von dem Buche Jonas, 2. Aufl. 1841.
Frz. Delitzsch, Etwas über das Buch Jona und einige neue Auslegungen desselben. Zeitschr. f. d. gesammte luth. Theologie und Kirche 1840, 112 ff.

[2] M. Luther, Der Prophet Jona ausgel. (1526), Weimarana Bd. 19, 210.

[3] G. Leß, Vermischte Schriften, 1782, 82 ff., 176 ff.

[4] Hier ist der Text sichtlich uneben. Mindestens steht der V. 5 an falscher Stelle, denn nach ihm wartet Jona ja noch auf Gottes Eingreifen. Man stellt ihn am besten unmittelbar hinter Kap. 3, 4.

[5] Noch im 18. Jahrhundert wurde ein Helmstedter Theologieprofessor, der das zu bestreiten wagte, mit einer Geldbuße von 100 Gulden und dem Verbot Vorlesungen zu halten belegt. Friedrichsen a. a. O. 2.

[6] Herakles stürzt sich, um Hesione zu befreien, in den Rachen eines Meerungetüms und kämpft sich aus dem Leib wieder ins Freie heraus. Ausführlich über diese Fragen H. Schmidt, Jona. Eine Untersuchung zur vergleichenden Religionsgeschichte, 1907.

[7] Dieser Gedanke steht thematisch u. E. durchaus im Vordergrund, nicht das »Problem«: »Nimmt Jahwe das durch Prophetenmund über eine sündige Stadt verhängte Urteil bei eintretender Bekehrung aus Gnaden zurück oder nicht«. H. Schmidt, Absicht und Entstehungszeit des Buches Jona, Theol. Studien und Kritiken 1906, 192.

[8] Einzelne Züge des Buches Jona werden im Neuen Testament in mehrfacher Hinsicht herangezogen (vgl. besonders Matth. 12,40f., Luk. 11,30). Dies geschieht aber nicht so, daß uns damit der einzige, allein richtige Deutungsschlüssel für das Ganze an die Hand gegeben würde. Daß es trotzdem mit dein schönen Wort Delitzschs seine Richtigkeit hat, möchte gerade unsere Auslegung gezeigt haben: »Somit ist das Buch Jona ein historisches Gemälde von gleich tiefer psychologischer, dogmatischer und typischer Bedeutung, aus dessen dämmerndem Hintergrunde uns Christus Jesus, der Heiland nicht allein der Juden, sondern aller Völker, entgegenleuchtet« a. a. O. 122.

Hier der Text als pdf.

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