Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag: „Unser Nein muss zum Ja werden“

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Predigt über Johannes 13,1-15 (Gründonnerstag)

Von Hans Joachim Iwand

Vor dem Fest aber der Ostern, da Jesus erkannte, daß seine Zeit gekommen war, daß er aus dieser Welt ginge zum Vater, wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. Und bei dem Abendessen, da der Teufel hatte dem Judas, Simons Sohn, dem Ischariot, ins Herz gegeben, daß er ihn verriete, und Jesus wußte, daß ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging: stand er vom Abendmahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Darnach goß er Wasser in ein Becken, hob an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, damii er umgürtet war. Da kam er zu Simon Petrus; und der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir meine Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Werde ich dich nicht waschen, so hast du keinen Teil mit mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, der bedarf nichts denn die Füße waschen, sondern er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. (Denn er wußte seinen Verräter wohl; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.) Da er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich nieder und sprach abermals zu ihnen: Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr heißet mich Meister und Herr und saget recht daran, denn ich bin es auch. So nun ich, euer Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie ich euch getan habe.

Wenn jemand aus dieser Welt scheidet, macht er sein Testament oder er gibt den Menschen, die er lieb hat und die er nun verlassen muß, ein letztes Wort, eine zeichenhafte Handlung und meist ist das dann sehr überlegt und als bleibende Mahnung gedacht. Genau so ist es hier bei dem Abschied Jesu von den Seinen. Jesus möchte uns noch einmal seine ganz unveränderte Liebe kundtun. Er möchte, daß wir an diesem Zeichen immer [291] wieder neu begreifen könnten, wie er uns geliebt hat und daß er nicht aus der Welt gegangen ist, um uns allein zu lassen, wir in einer schrecklichen Welt und er in einem lichtvollen, seligen Himmel, wir gezwungen, weiter zu wandern, allein auf den gefährlichen, staubigen Straßen der Welt, er daheim beim Vater, frei von aller Not und aller Erdenschwere. Wir denken uns vielleicht das Verhältnis zwischen ihm und uns in dieser Weise: Jesus hat zwar in der Welt eine gute und schöne Bewegung angefangen, aber nun ist er nicht mehr unter uns, nun muß diese nach ihren eigenen Gesetzen weiterleben, wie alles, was in der Welt ist und nach ihren harten und unwandelbaren Gesetzen verläuft. Vielleicht hat Jesus diese unsere Gedanken schon geahnt, als er hier den Jüngern das letzte Zeichen gab. Er hat vielleicht gewußt – und unser Text sagt ja, daß er bereits alles wußte – was in der Jüngergemeinde geschehen wird, wenn er nicht mehr da sein würde. Vielleicht hat er damals einen langen, schweren, traurigen Blick tun müssen in die Geschichte, die nun auf Erden unter seinen allein gelassenen Jüngern anfing und die wir Kirchengeschichte nennen. Jesus hat offenbar schon gewußt, was die größte Gefahr dieser Geschichte sein würde: Sie werden ihn sehr bald zu etwas machen, was er gar nicht war und werden sich damit sehr weit und gefährlich von ihm entfernen, sie werden ihn zu einem Herrn machen, wie es andere Herren dieser Welt sind, zu einem, dem man zu dienen hat. Vielleicht wird man ihn sogar zum Herrn aller Herren machen, zum allerobersten und allerhöchsten Herrscher unter allen Herrschern auf Erden. Und Jesus ist ja auch der Herr. Dieser Jesus, der hier von seinen Jüngern scheidet, wird erwiesen werden als der Herr der Welt, jetzt an Ostern und am Ende der Tage. Aber es ist offenbar ein großer Unterschied, ob ihn seine Anhänger und Diener zu einem Herrn machen, oder ob er dazu gemacht und gesetzt ist, wie es eben Jesus geschehen soll und wird: durch Gott, als Gottestat und als Erweis von Gottes Macht und Gnade. Wenn Gott Jesus zum Herrn macht, dann könnte das sehr beschämend wirken und ein großes Gericht sein für alle Herren dieser Welt und auch für alle Nachfolger Jesu, die sich seine Herrschaft nach dem Bilde und Gleichnis irdischer Herren denken. Darum das Beispiel in letzter Stunde, als eine Warnung an die Seinen vor ihrer größten und schwersten Verirrung. Nein, diese Art zu herrschen und zu regieren, wie wir sie von der Welt her kennen, will Jesus unter keinen Umständen bekräftigen oder gar noch überhöhen. Darum sagt er betont: Ein Beispiel habe ich euch gegeben.

Ich – Euch! Dazwischen müßte man eigentlich eine lange nachdenkliche Pause machen. Da steht auf der einen Seite Jesus. Dieser Jesus drückt eine Bewegung aus, wie er sein Kleid ablegt, sich gürtet wie ein Diener, wie er niederkniet und seinen Jüngern die Füße wäscht. Er ist in diesem Augen-[292]blick der allerniedrigste und allerunterste. Er nimmt einen Platz unter ihnen ein, der unbestritten ist. Da, wohin er zeigt, wohin er mit seiner Bewegung weist, ist kein Kampf, dieser Platz wird nicht umstritten und umneidet. Das ist und bleibt ja immer wieder das Auffällige und Merkwürdige an Jesus, daß er so durch die Welt gegangen ist, daß er keinen Neid auslöste, wie sonst die Großen dieser Welt, die von Neid und Machtkämpfen umgeben und bedrängt sind. Da, wo Jesus steht, gibt es das nicht. Er steht an einem ganz freien, an einem ihm von niemandem beneideten Ort. So ist es mit seinem ganzen Leben, von den ersten Tagen seines Wirkens an bis zu seinem letzten Atemzug in der Welt. Das eben nennt unser Evangelist die vollkommene Liebe. Die vollkommene Liebe, die Liebe, die bis ans Ende währt, ist nicht eine einmalige Tat oder eine eindrucksvolle Geste, auch nicht dies oder jenes Opfer, sondern sie ist eine bestimmte, sich immer gleichbleibende Bewegung, die Bewegung von oben nach unten, vom Himmel zur Erde, von den obersten Plätzen zu den untersten, dahin, wo es schließlich keinen Kampf um diesen Platz mehr gibt, wo keiner ihn beneidet, wo alle zu Empfangenden werden, wo sich die große erlösende Umkehr vollziehen könnte unter uns, die Umkehr jenes Strebens nach den höchsten, besten und machtvollsten Sitzen. Ich – Euch sagt Jesus. Das ist Sein Weg, der Weg von oben nach unten, die Entäußerung alles dessen, was er ist und sein könnte, und die Übernahme dessen, was er nicht ist und doch, um der Seinen willen, sein will. Und wir? Wir nicht nur, solange wir da draußen mitmachen, bei dem unbedingten, rücksichtslosen, verzweifelten Nach-Oben-Kommen-Wollen der Menschen, bei diesem bedenkenlosen Kampf um den obersten Platz, den Platz an der Sonne, wie wir Menschen meinen – sondern wir auch und gerade um Jesus herum, wir als Glieder seiner Gemeinde, wir die wir hier zusammen sind in diesem Kreis von Menschen, die so Schweres erlitten und soviel vom Zusammenbruch aller menschlichen Herrlichkeit gesehen haben – haben wir das begriffen, daß der Weg Jesu der Weg ist, um in seiner Gemeinde Frieden zu schaffen? Haben wir begriffen, daß Jesus hier eine Umkehrung aller Ordnung vollzieht, aber die Umkehrung, die nun wirklich Liebe und Gemeinschaft und Frieden bedeutet. Die dahin führt, daß wir einer dem anderen dienen lernen, daß der oberste Platz in der Gemeinde – sehr zum Unterschied der Welt – ein nicht umkämpfter, nicht beneideter Platz ist. Wenn das wäre? Kann das denn überhaupt sein? Und das ist das Andere an dem, was Jesus ein Beispiel nennt, daß sein Weg auch uns allezeit offen steht. Ein Beispiel bedeutet, daß wir das tun können, was ein anderer tut, daß sich hier Möglichkeiten auftun, die auch unsere Möglichkeiten sind, Wege offenstehen, die auch wir gehen können. Freilich, die Beispiele, die wir an anderen su-[293]chen und einander geben, sind leider nicht von dieser Offenheit und Leichtigkeit. Denn wir verstehen meist unter einem christlichen Beispiel doch wieder den Weg nach oben. Wir verstehen unter einem beispielhaften Leben etwas Hohes, die Übrigen Überragendes. Darum ist auch das Beispiel, das wir geben, oft so abschreckend, oft so entmutigend, sodaß die anderen Menschen sich sagen, daß sie auf diese vermeintliche Höhe nie gelangen werden. Das Beispiel Jesu ist einfach, es zeigt den Weg nach unten.

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Jesus, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unterste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Herren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren stehen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich getraut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht König sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nachfolger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mächtigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Beispiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, [294] immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vornehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu dienen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erdenwanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Petrus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein übernatürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwiderläuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offenes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hoffen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was göttlich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das [295] große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns niederbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Verwunderung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Freilich, man kann auch dann wiederum, wenn man durch die Gnade Jesu herausgezogen ist aus dem Nein in das Ja, über das Ziel hinausschießen und aus dem Ja, das Jesus in uns erweckt, ein menschliches und darum wieder irrendes, falsches, über das Ziel hinausschießendes Ja machen. Nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Das ist wieder unser Ja. So möchten wir nun diesen Dienst haben. Hat denn Petrus mit dieser Bitte nicht recht? Was klebt alles an unseren Händen? Was wohnt alles im Kopf eines Menschen? Was kann sich ein Mensch ausdenken an Bösem, Teuflischem, ihn und andere unrein Machenden? Aus dem Inneren des Menschen kommt ja alles Unreine. Wenn schon Jesus uns die Reinheit schenkt, dann müßte sie etwas Ganzes, etwas vom Scheitel bis zur Sohle den Menschen Wandelndes, Erneuerndes sein. Das meint Petrus. Unter dieser Bedingung sagt er Ja. Petrus ist so großartig, weil er sich jetzt nicht scheut zu bekennen, wie tief und wurzelhaft die Unreinheit ist, die in uns sitzt. Und Petrus ist darin gerade wieder unser Trost, daß auch wir dies alles Jesus sagen dürfen, die Tiefe der Anfechtung vor ihm enthüllen dürfen, die uns ergreift, wenn gesagt wird, ihr sollt rein sein. Aber Jesus wäre nicht Jesus, wenn nicht Petrus und in Petrus wir alle auch auf diese Bitte hin noch eine Antwort bekämen: Wer gewaschen ist, der bedarf nichts, denn die Füße waschen, er ist ganz rein. Es wird noch viel Unreinheit an uns bleiben, gewiß, von uns her gesehen könnten wir so oft verzagen, wenn wir unsere Hände ansehen und an die geheimen Gedanken unseres Herzens denken. Bei uns ist alles nur ein Anfang, ein Werden, kein Ganzes und Vollkommenes. Und doch ist von Jesus her das, was er tut, immer etwas Ganzes, Endgültiges und Vollkommenes. Die Reinheit, die der Mensch von ihm empfängt, indem er Ihn seinen Diener sein läßt, ist nichts [296] Stückhaftes, sondern etwas Totales, Vollkommenes, das darf Petrus noch hören und das darf jeder von uns wissen und hören in dieser Stunde. Wenn wir das wirklich begriffen hätten, dann, so meint Jesus wohl, würden wir können, was er uns in seinem Beispiel gesagt hat: auch wir würden einander dienen, wie er uns gedient hat. Denn wir hätten begriffen, in welche Höhe uns der Dienst Jesu hebt, eine Höhe, über die hinaus kein Schritt mehr führt. Wir wären auf einmal oben, ganz oben, da, wo das letzte Ziel und die letzte Bestimmung des Menschen ist. Man kann gar nicht auf dieser Höhe der reinen Gnade Gottes stehen, ohne daß es uns herunterzieht zu allen, die uns brauchen, in jene gleiche Bewegung hinein, die mit Jesus begonnen hat. Dann erst, auf dieser Höhe ist Jesu Beispiel leicht, dann erst wird sein Weg der einzige Weg, den es für uns gibt, denn erst hier begreifen wir, daß es nicht darauf ankommt, selbst etwas zu sein im Unterschied und im Gegensatz zu anderen und so sich zu erheben, sondern sich dessen zu entäußern, was wir sind, um denen nahe zu sein, die uns brauchen. So müßte es sein in jeder echten Gemeinde, wo der Herr in der Mitte steht, wo der lebendig mitten unter uns ist, mit seinem Beispiel, mit seinem ernsten: Ich – Euch, daß wir einander nahe kämen, in demselben Dienst und in derselben Bereitschaft der Hilfe, wie er uns nahe ist.

Darum, wenn wir jetzt miteinander zum Abendmahl gehen, dann werden wir wissen, warum unser Evangelist diese Geschichte erzählt, im Unterschied zu den anderen Evangelisten, die uns den Bericht vom Abendmahl geben. Denn auch in dieser Geschichte ist das Abendmahl verborgen, und der geht recht zum Tisch des Herrn, der aus den Worten der Einsetzung das eine heraushört: Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie ich euch getan habe.

Gehalten am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 290-296.

Hier die Predigt als pdf.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s