„Advent schafft neue Menschen“ – Dietrich Bonhoeffers Predigt über Lukas 21,28 vom 3. Dezember 1933

In Dietrich Bonhoeffers Londoner Predigt vom 3. Dezember 1933 über Lukas 21,28 „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ finden sich folgende Worte zum Advent:

Predigt über Lukas 21,28

Von Dietrich Bonhoeffer

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so sehet auf und erhebet eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung naht. (Lk 21,28)

Ihr wißt alle, was ein Grubenunglück ist. Wir haben in der letzten Woche immer wieder davon in den Zeitungen lesen müssen. Über den Männern, die täglich in den tiefen Schächten der Erde einfahren müssen, um ihre Arbeit zu tun, schwebt die fortwährende Gefahr, daß eines Tages einer der Gänge einstürzt, daß eine unterirdische Explosion sie verschüttet. Dann sind sie da unten in der Erde im Dunkel der Nacht, verlassen, allein, dann ist ihr Schicksal erfüllt, dann ist der Augenblick da, vor dem auch dem mutigsten Bergmann sein Leben lang gegraut hat. Da hilft kein Schreien, da hilft es nichts, wie rasend gegen die Wand anzurennen. Da hilft kein Kraftaufwand mehr etwas. Aber je mehr ein Mensch dann seine völlige Ohnmacht er­kennt, desto rasender wird [er]. Aber es bleibt stumm um ihn herum. Er weiß, da oben laufen jetzt die Leute zusammen, da weinen die Frauen und die Kinder – aber ihm ist der Weg ver­sperrt. Ihm bleibt nichts als das Ende. Er weiß auch, da oben arbeiten sie jetzt fieberhaft. Da graben sich die Kameraden mit zäher Energie durch den Stein den Verschütteten entgegen. Vielleicht wird auch hier oder da noch einer gefunden und gerettet, aber hier in der tiefsten Tiefe im letzten Schacht ist keine Hoffnung. Es bleibt nur ein qualvolles Warten und Sterben. Und wenn nun dann auf einmal ein leises Geräusch sich vernehmen läßt, wie ein Klopfen, ein Hämmern, ein Brechen von Steinen, und wenn man dann plötzlich wie aus der Entfernung Stimmen hört, die rufen, rufen ins Leere, ins Dunkle und wenn dies Rumoren und Arbeiten immer lauter wird und plötzlich gibt’s einen harten Schlag und das Klopfen kommt ganz nah, es hallt schon wider, [333] und dann schließlich ruft eine befreundete Männerstimme eines Kameraden laut den Namen des Verschütteten – wo bist Du, es kommt Hilfe, Hilfe – dann auf einmal richtet sich der schon Verzagte hoch auf, sein Herz möchte ihm springen vor Span­nung und vor Warten und er schreit aus Leibeskräften: Hier bin ich, kommt durch zu mir und helft mir – ich komme nicht durch, ich kann mir nicht helfen, aber ich warte, ich warte, ich halte durch bis ihr kommt. Kommt nur bald. . . Und er hört in rasender Aufmerksamkeit, wie es Schlag für Schlag näher kommt, Sekunden vergehen wie Stunden, er sieht nichts, gar nichts, aber er hört die Stimmen der Helfer, da dringt ein letzter wilder verzweifelter Ham­merschlag an sein Ohr und nun ist die Rettung nah, noch ein Schritt weit und er ist frei – nicht wahr, ihr begreift, warum ich davon spreche am ersten Advent. Es ist ja der Advent selbst, von dem wir geredet haben. So steht es ja mit dem Herannahen Gottes zum Menschen, mit dem Kommen der Erlösung, mit der Ankunft Christi. . . sehet auf und erhebet eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung naht.

Zu wem spricht man denn so? Wen interessiert denn ein solches Wort? Wen regt denn so etwas überhaupt auf? Denkt an ein Gefängnis. Lange Jahre haben die Gefangenen die Schmach und die Strafe ihrer Gefangenschaft getragen. In harter Plage haben sie indes schwere Zwangsarbeit tun müssen, bis sie sich selbst zur Last wurden. Immer wieder versuchte der eine oder der andere zu entkommen, aber er wurde gefaßt und zurückgeschleppt und von nun an war’s nur noch schwerer, oder ein Schuß brachte ihn zur Strecke. – Unter Seufzen und Tränen tragen die anderen ihr Los und ihre Ketten. Und nun dringt auf einmal die Botschaft ins Gefängnis: Binnen kurzem sollt ihr alle frei werden, eure Ketten sollen fallen, eure Schinder sollen gebunden werden und ihr sollt erlöst sein. Dann sieht der Chor der Gefangenen auf und schreit herzzerreißend: Ja, komm, oh Retter.

Denkt an den Kranken, den eine unheilbare Krankheit quält, der in unsäglichen Schmerzen langsam, langsam dahinstirbt, der sich sehnt nach dem Ende dieser Plage und jetzt kommt der Tag an dem der Arzt ihm ruhig und bestimmt sagen darf: heute wirst du erlöst sein – dann wird der Todkranke froh sein Haupt erheben und dieser Erlösung entgegen sehen. [334]

Und nun denkt an den Menschen, den nicht äußere Gefangenschaft, nicht leibliche Krankheit, sondern eine schwere seelische Not drückt, denkt an den Menschen mit dem Geheimnis, von dem wir am Bußtag geredet haben, an den Menschen, der in unvergebener Schuld lebt und den Sinn des Lebens verliert und damit alle Fröhlichkeit, denken wir an uns selbst, die wir uns um ein christliches gehorsames Leben bemühen und immer wieder versagen, denkt an den Sohn, der seinem Vater, an den Mann, der seiner Frau nicht mehr ins Auge sehen kann, denkt an all die [. . .], tiefe Zerrüttung und Heillosigkeit, die aus all dem erwächst, und dann laßt es uns noch einmal hören: sehet auf, erhebet eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung naht. Ihr sollt frei werden von all dem, die Not und Angst eurer Seele hat ein Ende. Die Erlösung ist nah. (Wie der Vater zu seinem Kind sagte: sieh auf, blick nicht zur Erde, sieh mich an, ich bin dein Vater. so heißt es hier im Evangelium: sehet auf, erhebet eure Häupter, darum, daß sich eure Erlösung naht.)

Also, wer ist eigentlich angeredet mit diesem Text? Menschen, die wissen, daß sie unerlöste Menschen sind, daß sie geknechtete und gefesselte Menschen sind, daß ein Schinder Gewalt über sie hat und sie Frondienste tun müssen – Menschen wie jener Verschüttete, wie jene Gefangenen, die immer noch Ausschau halten nach der Freiheit, der wirklichen Erlösung, Menschen, die gern erlöste Menschen wären. Nicht angeredet sind jedenfalls alle die, die sich schon so an ihren Zustand gewöhnt haben, daß sie gar nicht mehr merken, daß sie Gefangene sind, die sich abgefunden haben mit ihrer Unerlöstheit, eben so aus allerlei praktischen Gründen, die so gleichgültig und stumpf geworden sind, daß es sie gar nicht mehr aufbringt, wenn einer ihnen zuruft: deine Erlösung ist nah. Nicht an die Satten, die Zufriedenen, sondern an die Hungernden und Dürstenden richtet sich dies Wort des Advent. Bei ihnen klopft er an, mächtig und eindringlich. Und wir hören ihn, wie jener verschüttete Bergmann in der Grube jeden Schlag, jedes Näherkommen des Retters mit letzter Aufmerksamkeit verfolgte. Kann man sich auch nur denken, daß jener von dem Augenblick an, da er das erste Klopfen ve­rnahm, noch auf irgend etwas anderes geachtet [335] hat, als eben auf diese herannahende Befreiung? Und nun sagt uns der erste Advent nichts anderes als dies: Deine Erlösung, eure Erlösung naht! Sie klopft schon an, hört ihr es nicht? Sie will sich den Weg durch all den Schutt, durch all das harte Gestein eures Lebens, eures Herzens bahnen; das geht nicht schnell, aber er kommt, Christus bricht sich den Weg zu euch, zu euren Herzen, er will unser Herz, das hart geworden ist, wieder erweichen im Gehorsam gegen ihn, er ruft uns gerade in diesen Wochen des Wartens, des Wartens auf Weihnachten immer wieder zu: daß er kommen will und daß er allein uns retten wird aus dem Gefängnis unseres Daseins, aus der Angst, aus der Schuld, aus der Einsamkeit.

Wollt ihr erlöst sein? Das ist die eine große, die entscheidende Frage, die der Advent an uns richtet. Brennt in uns noch irgendein Rest von Sehnsucht, von Erkenntnis dessen, was Erlö­sung heißen könnte? Wenn nicht, was wollen wir dann vom Advent? Was wollen wir dann von Weihnachten. ein bißchen Sentimentalität, ein bißchen innere Erhebung, ein bißchen Stimmung – wenn aber da etwas ist, das davon wissen will, das sich an diesem Wort entzün­det, wenn da etwas in uns diesem Wort glaubt, – wenn wir spüren, es könnte noch einmal, noch einmal in unserem Leben eine Wendung ganz zu Gott hin, zu Christus hin geschehen – warum sind wir dann nicht einfach gehorsam, hören das uns angebotene, zugerufene, in die Ohren geschrieene Wort – die Erlösung ist nah, hörst du denn nicht, warte, warte nur noch einen kleinen Augenblick, und dann wird dies Klopfen von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag lauter, eindringlicher werden – und dann wird Weihnachten kommen und wir sind bereit – Gott kommt zu uns, zu dir und mir, Christ, der Retter ist da.

Vielleicht sagt ihr: so habt ihr es in der Kirche schon immer gesagt und es ist doch nie etwas daraus geworden. Warum ist denn nichts daraus geworden? Weil wir nicht gewollt haben, weil wir nicht hören und nicht glauben wollten, weil wir sagten: mag sein, daß da der eine oder der andere Verschüttete gerettet wird, aber zu uns, so tief drunten, so weit weg, so ent­wöhnt von diesen Dingen, dringt der Retter nicht durch. Wir sind nun mal nicht fromm, wir haben keine religiöse Begabung und wir wollen ja gern, aber zu uns spricht das nun einmal nicht. Aber [336] mit all dem reden wir uns ja nur [her]aus, – wer weiß es denn, der es noch nicht probiert hat, – wenn wir wirklich einfach wollten, wenn es nicht alles Rederei und Aus­flucht wäre, so würden wir doch endlich, endlich anfangen zu beten, beten, daß nun dieser Advent auch bei uns Einkehr halte. Täuschen wir uns doch nicht. Die Erlösung naht, ob wir das wissen oder nicht, und die Frage ist nur: lassen wir sie auch zu uns kommen oder wider­setzen wir uns? Lassen wir uns in diese Bewegung, die vom Himmel herab auf Erden kommt, hineinreißen oder verschließen wir uns? Es wird Weihnachten, ob mit uns oder ohne uns, das liegt bei jedem Einzelnen von uns.

Und daß nun ein solches wahrhaftes Adventsgeschehen etwas anderes schafft als eine ängst­liche, kleinliche, gedrückte, schwächliche Christlichkeit, die wir immer wieder wahrnehmen und die uns das Christentum selbst immer wieder verächtlich machen will, das wird aus den zwei gewaltigen Aufforderungen klar, die unseren Text einleiten. Sehet auf, erhebet eure Häupter. Advent schafft Menschen, neue Menschen. Neue Menschen sollen auch wir im Advent werden. Sehet auf, ihr, deren Blick stier auf diese Erde gerichtet ist, die gebannt sind von den kleinen Geschehnissen und Veränderungen auf der Oberfläche dieser Erde, sehet auf, die ihr euch vom Himmel enttäuscht abgewendet [habt], zu diesen Worten, sehet auf, ihr, deren Augen von Tränen schwer sind und dem nachweinen, das die Erde uns gnadenlos entrissen hat, sehet auf, ihr, deren Blick schuldbeladen sich nicht erheben kann – sehet auf, eure Erlösung naht. Es geschieht noch etwas anderes, als was ihr täglich seht, etwas viel Wichtigeres, etwas unendlich viel Größeres und Mächtigeres – nehmt es nur wahr, seid auf der Wacht, wartet noch einen kurzen Augenblick, wartet und es wird etwas ganz Neues über euch hereinbrechen. Gott wird kommen, Jesus kommt und wird von euch Besitz nehmen und ihr werdet erlöste [337] Menschen sein. Sehet auf, steht auf der Wacht, die Augen auf, wartet, wartet der herannahenden Erlösung entgegen.

Erhebet eure Häupter – Du Heer der Gebeugten, der Gedemütigten, der Mutlosen, du geschla­genes Heer mit den gesenkten Häuptern – die Schlacht ist ja nicht verloren – erhebet eure Häupter – der Sieg gehört euch – faßt Mut, keine Furcht, keine Angst, keine Sorge – Mut, seid des Sieges gewiß, seid stark, seid männlich. Hier gibt es kein Kopfschütteln mehr, kein Zwei­feln und Wegschauen, – die Freiheit, das Heil, die Erlösung kommt heran. Sehet auf – wartet! erhebt eure Häupter – seid furchtlos und stark! – denn Christus kommt.

Und nun fragen wir nochmal: Hören wir nun, wie es klopft und treibt und vorwärtskämpft, wie da etwas in uns aufspringen will, sich auf tun, frei werden dem Christus entgegen? Spüren wir, daß das nicht nur bildliche Rede ist, sondern daß da etwas geschieht, daß da Menschen­seelen aufgerichtet, erschüttert, zerrissen und geheilt werden? Daß da der Himmel sich zur Erde neigt und die Erde zittert und die Menschen verzagen vor Angst und Bangigkeit und Hoffnung und Freude? Daß da Gott sich [zu] den Menschen neigt und zu ihnen eingeht? Kann der verschüttete Bergmann auf etwas anderes achten, als auf dies Hämmern und Klopfen der Retter? Kann und darf uns noch etwas anderes wichtig sein, als eben auf dieses selbe Häm­mern und Klopfen Jesu Christi in unserem Leben zu achten. Kann es uns in allem was ge­schieht um etwas [anderes] gehen als um das Lauschen und Aufhören, um das Zittern und Sichausstrecken nach ihm. Es ist etwas am Werk, auch in uns. Daß wir’s doch nicht zuschütte­ten, daß wir doch auf täten dem, der da kommen will. Mitten im Winter hat Luther einmal, als er an Advent über unseren Text predigte, gerufen: „Der Sommer ist nahe, die Bäume wollen hervor. Es ist Frühlingszeit.“ Wer Ohren hat zu hören, der hört. Amen.

Gehalten am 3. Dezember 1933 (1. Advent) in London.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 13: London 1933-1935, hrsg. v. Hans Goedeking, Martin Heimbucher und Hans-Walter Schleicher, München: Chr. Kaiser Verlag 1994, S. 332-337.

Hier die Predigt als pdf.

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